Orgeln im Freiburger Münster
20.08.2024 |
Spurensuche im EAF
Sinn und Zweck dieser Urkunde war es freilich nicht, die Existenz der Münsterorgel für die Nachwelt zu dokumentieren, sondern es ging, wie in den meisten im Münsterarchiv erhaltenen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Urkunden, ums Geld: Der Konstanzer Bischof erlaubt den Münsterpflegern, die Einkünfte des Sakramentsaltars, der auch „Lampertsaltar“ genannt wird, mit der Orgelpfründe zu vereinigen, um damit einen Organisten bezahlen zu können. Diesen brauchte man, um die „kostbare Orgel“ vernünftig nutzen zu können.
Nähere Angaben zu der Orgel werden in der Urkunde nicht gemacht. Wir wissen also nicht sicher, wo sie sich befand und wie viele Register und Pfeifen sie hatte. Darüber, wie sie ausgesehen hat, wissen wir nichts, und wir haben keine Ahnung davon, wie sie geklungen hat. Ob es den erwähnten Organisten schon gab, oder ob er erst gesucht werden musste, ist gleichfalls unbekannt, denn ein Name wird nicht genannt. Erst am 28. April 1475 taucht erstmals ein Organist auf, und zwar in den Freiburger Ratsprotokollen: Er hieß Anton Sumlin, ging 1478 nach Basel, kam knapp drei Jahrzehnte später wieder zurück und wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1509 nochmals für einige Zeit als Münsterorganist.
Doch zurück zu der Urkunde von 1465. Diese lässt keineswegs den Schluss zu, dass es bis dahin im Freiburger Münster keine Orgel gegeben habe, sondern sie ist umgekehrt eher ein starkes Indiz für deren Existenz – wozu sonst hätte eine Orgel- oder Organistenpfründe bestehen sollen? Wo sich die 1465 erwähnte Orgel befand, ist unbekannt – vermutlich hing sie als „Schwalbennestorgel“ an der linken, nördlichen Langhauswand. Dass der Platz dort akustisch günstig ist und man mit wenig Aufwand das gesamte Münster beschallen kann, war auch den Orgelbauern vor weit mehr als einem halben Jahrtausend schon bekannt, und im Dachstuhl über dem nördlichen Seitenschiff ließ sich unschwer Platz für die Blasebälge finden.
Der nächste Umbau fand im Jahr 1529 statt. Die Stadt Freiburg hatte in Basel eine der Orgeln gekauft, die dort infolge der Einführung der Reformation überflüssig geworden war. Diese Orgel, oder zumindest deren Register und Pfeifen, wollten die Freiburger in ihre schon vorhandene Orgel einbauen lassen. Im Zusammenhang mit diesem Umbau wurde im Jahr 1530 auch der sogenannte „Roraffe“ installiert, also jene Trompeterfigur, die noch heute unter der Schwalbennestorgel hängt. Diese Figur kann, wenn der Organist die entsprechende Mechanik betätigt, die Fanfare zum Mund führen und den Anschein erwecken, als bliese sie hinein.
Nur rund 15 Jahre später, 1544/1545, kam es zu einem Neubau der Schwalbennestorgel. Das ist ein wenig verwunderlich, denn die vorhandene Orgel scheint keinen Grund zur Klage gegeben und gut funktioniert zu haben – jedenfalls sind in den Rechnungen keine größeren Reparaturen dokumentiert. Hatten sich die Klangvorstellungen in nur wenigen Jahren so sehr gewandelt, dass die maßgeblichen Leute in der Stadt die alte Orgel nicht mehr hören wollten? Oder hielt vielleicht der Freiburger Stadtrat das von einem eher unbekannten Meister erbaute Werk für nicht mehr repräsentativ genug? Immerhin beauftragte man mit dem Ravensburger Jörg Ebert einen der Stars der damaligen Orgelbauerszene, der später auch noch unter anderem in Überlingen, Ottobeuren, Wangen im Allgäu und Innsbruck Orgeln baute.
Das Freiburger Münster hat unbestritten einen sehr schönen Turm, den nicht wenige Menschen gar für den schönsten jemals gebauten Kirchturm halten. Aber nicht nur das, mit seiner aus vier sowohl jeweils einzeln als auch gemeinsam spielbaren Instrumenten bestehenden Orgelanlage (plus einem sogenannten Auxiliarwerk) hat es mindestens ein weiteres Alleinstellungsmerkmal – folglich geben sich im Rahmen der seit gut 90 Jahren laufenden sommerlichen Konzertreihe profilierte und renommierte Organistinnen und Organisten aus aller Welt gegenseitig den Orgelschlüssel in die Hand, und das Publikum strömt in Scharen.
Die Frage, seit wann es überhaupt Orgelmusik im Freiburger Münster gibt, lässt sich hingegen nicht beantworten – wir wissen es nicht und werden es wohl nie erfahren, sondern müssen uns mit dem Datum des ersten schriftlichen Nachweises zufriedengeben: Es ist der 29. November 1465. Wir dürfen freilich mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass sich die Freiburger für ihr Münster – das ja nicht nur eine Kirche, sondern zugleich ein wichtiges Statussymbol war – schon viel früher eine Orgel geleistet haben, denn in anderen Städten am Oberrhein lassen sich schon im 14., teils sogar bereits im 13. Jahrhundert Orgeln nachweisen.
Diese erste Erwähnung findet sich in einer vom Konstanzer Bischof Burkhard von Randegg ausgestellten Urkunde, die als Teil des Münsterarchivs heute im Erzbischöflichen Archiv Freiburg verwahrt wird:
Im oberen Drittel, ab Mitte der 10. Zeile, heißt es: Essent etiam in eadem ecclesia pro dei honore et gloria ampliori organa constructa preciosa, pro quorum organisante seu organista de fabrica ipsius ecclesie aliis expensarum et laborum oneribus attentis et pensatis difficulter providendum veniret (auf Deutsch etwa: In dieser Kirche wurde zum Ruhm und zur größeren Ehre Gottes eine kostbare Orgel erbaut, doch wird es für die Kirchenfabrik schwierig werden, die für das Spielen der Orgel bzw. den Organisten erforderlichen [finanziellen] Mittel aufzubringen.)
Sinn und Zweck dieser Urkunde war es freilich nicht, die Existenz der Münsterorgel für die Nachwelt zu dokumentieren, sondern es ging, wie in den meisten im Münsterarchiv erhaltenen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Urkunden, ums Geld: Der Konstanzer Bischof erlaubt den Münsterpflegern, die Einkünfte des Sakramentsaltars, der auch „Lampertsaltar“ genannt wird, mit der Orgelpfründe zu vereinigen, um damit einen Organisten bezahlen zu können. Diesen brauchte man, um die „kostbare Orgel“ vernünftig nutzen zu können.
Nähere Angaben zu der Orgel werden in der Urkunde nicht gemacht. Wir wissen also nicht sicher, wo sie sich befand und wie viele Register und Pfeifen sie hatte. Darüber, wie sie ausgesehen hat, wissen wir nichts, und wir haben keine Ahnung davon, wie sie geklungen hat. Ob es den erwähnten Organisten schon gab, oder ob er erst gesucht werden musste, ist gleichfalls unbekannt, denn ein Name wird nicht genannt. Erst am 28. April 1475 taucht erstmals ein Organist auf, und zwar in den Freiburger Ratsprotokollen: Er hieß Anton Sumlin, ging 1478 nach Basel, kam knapp drei Jahrzehnte später wieder zurück und wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1509 nochmals für einige Zeit als Münsterorganist.
Doch zurück zu der Urkunde von 1465. Diese lässt keineswegs den Schluss zu, dass es bis dahin im Freiburger Münster keine Orgel gegeben habe, sondern sie ist umgekehrt eher ein starkes Indiz für deren Existenz – wozu sonst hätte eine Orgel- oder Organistenpfründe bestehen sollen? Wo sich die 1465 erwähnte Orgel befand, ist unbekannt – vermutlich hing sie als „Schwalbennestorgel“ an der linken, nördlichen Langhauswand. Dass der Platz dort akustisch günstig ist und man mit wenig Aufwand das gesamte Münster beschallen kann, war auch den Orgelbauern vor weit mehr als einem halben Jahrtausend schon bekannt, und im Dachstuhl über dem nördlichen Seitenschiff ließ sich unschwer Platz für die Blasebälge finden.
Dieses Datum – 1465 – ist erstaunlicherweise noch gar nicht sehr lange allgemein bekannt. Die Urkunde wurde zwar schon im Jahr 1914 in der Zeitschrift „Freiburger Münsterblätter“ im vollen Wortlaut veröffentlicht, aber bis die Information zu den Freiburger Orgelexperten vorgedrungen war, dauerte es mehrere Jahrzehnte: Noch in der 1978 publizierten 3. Auflage der vom damaligen Münsterorganisten Carl Winter verfassten Broschüre „Das Orgelwerk des Freiburger Münsters“ wird die erste Erwähnung einer Orgel auf 1492 datiert. Darüber, warum es die Information aus den „Münsterblättern“ nicht bis zum im Münster als Organist und Priester tätigen Carl Winter geschafft hatte, ließe sich trefflich spekulieren – verantwortlich ist mutmaßlich Friedrich Kempf, der sich in seiner 1929 veröffentlichten Abhandlung auf die Münsterfabrikrechnungen gestützt hatte, in denen sich für das Jahr 1492 erstmals Hinweise auf Arbeiten an der Orgel finden lassen.
Ab dann ist die Geschichte der Münsterorgel gut dokumentiert, wenn auch noch nicht in allen Details erforscht. Eine größere Baumaßnahme ist für das Jahr 1501 belegt, wieder durch die Münsterfabrikrechnungen, aus denen auch hervorgeht, dass mehrere vermögende Freiburger Bürger und Adlige Geld dafür spendeten. Anlass dazu könnte der Reichstag von 1498 gewesen sein, als Kaiser Maximilian in Freiburg zu Besuch war. Es ist gut möglich, dass sich dabei die Münsterorgel als nicht mehr so ganz zeitgemäßes Instrument erwiesen hatte. Genaueres wissen wir zwar nicht über Gottesdienste und Musik während des Reichstags, aber zum Gefolge des Kaisers gehörte wahrscheinlich auch Paul Hofhaimer, der damals bedeutendste Organist im Deutschen Reich. Und dieser Paul Hofhaimer könnte, wenn er denn tatsächlich im Münster die Orgel gespielt hat, den Freiburgern deutlich vor Ohren geführt haben, dass ihre Münsterorgel ein Auslaufmodell war.
Der nächste Umbau fand im Jahr 1529 statt. Die Stadt Freiburg hatte in Basel eine der Orgeln gekauft, die dort infolge der Einführung der Reformation überflüssig geworden war. Diese Orgel, oder zumindest deren Register und Pfeifen, wollten die Freiburger in ihre schon vorhandene Orgel einbauen lassen. Im Zusammenhang mit diesem Umbau wurde im Jahr 1530 auch der sogenannte „Roraffe“ installiert, also jene Trompeterfigur, die noch heute unter der Schwalbennestorgel hängt. Diese Figur kann, wenn der Organist die entsprechende Mechanik betätigt, die Fanfare zum Mund führen und den Anschein erwecken, als bliese sie hinein.
Nur rund 15 Jahre später, 1544/1545, kam es zu einem Neubau der Schwalbennestorgel. Das ist ein wenig verwunderlich, denn die vorhandene Orgel scheint keinen Grund zur Klage gegeben und gut funktioniert zu haben – jedenfalls sind in den Rechnungen keine größeren Reparaturen dokumentiert. Hatten sich die Klangvorstellungen in nur wenigen Jahren so sehr gewandelt, dass die maßgeblichen Leute in der Stadt die alte Orgel nicht mehr hören wollten? Oder hielt vielleicht der Freiburger Stadtrat das von einem eher unbekannten Meister erbaute Werk für nicht mehr repräsentativ genug? Immerhin beauftragte man mit dem Ravensburger Jörg Ebert einen der Stars der damaligen Orgelbauerszene, der später auch noch unter anderem in Überlingen, Ottobeuren, Wangen im Allgäu und Innsbruck Orgeln baute.
Eberts Orgeln müssen recht solide gewesen sein, denn sein Freiburger Werk blieb im Grunde bis 1929 erhalten, trotz zweier gravierender Eingriffe in den Jahren 1839 und 1870. Wir wissen dank der auf 1869 datierten Zeichnung eines englischen Orgelliebhabers sogar recht genau, wie sie ausgesehen hat, denn äußerlich war sie bis dahin weitgehend unverändert geblieben. Und die 1965 erbaute heutige Schwalbennestorgel orientiert sich zumindest optisch an der Ebert-Orgel.
Christoph Schmider
Literaturauswahl
-Antonia E. Harter-Böhm: Zur Musikgeschichte der Stadt Freiburg im Breisgau um 1500. Freiburg 1968 (Veröffentlichungen aus dem Archiv der Stadt Freiburg im Breisgau, Band 10).
-Christoph Schmider (Hg.): Musik am Freiburger Münster. Freiburg 2002.
-Christoph Schmider (Hg.): Musik am Freiburger Münster. Freiburg 2002.



