Ein „gutes“ Klima im Archivmagazin ist neben der Erschließungsarbeit, der Magazinhygiene und der Digitalisierung eine der wichtigsten Aspekte moderner Archivarbeit. Doch was heißt eigentlich „gutes Klima“?
In aller Regel sollen Archive Dinge, die ihnen anvertraut werden, auch in Jahrzehnten (eigentlich auf ewig) wieder so vorlegen können, wie sie damals abgegeben wurden. Archivalien sollen daher so langsam wie möglich vom Zahn der Zeit zermahlen werden. Ein wichtiger Faktor ist dabei die richtige klimatische Lagerungsumgebung.
An einem Ort, an dem es zum Beispiel sehr hell ist, können die Farbechtheit und der Kontrast von Objekten stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Zeitungen etwa vergilben schneller, Fotos verblassen oder verlieren an Kontrast. Ist ein Lagerort hingegen zu feucht, können Naturmaterialien schimmeln oder Metallgegenstände rosten. Ist er wiederum zu warm, können sich unabsichtlich eingeschleppte Schädlinge schneller vermehren. Ebenso werden chemische Prozesse beschleunigt, wodurch Weichmacher aus Plastik ausdünstet oder Fotochemikalien auf Filmstreifen sich verändern und beispielsweise Farbstiche bekommen. Lagert man dagegen Archivalien zu kalt, müssen sie vor der Nutzung erst „aklimatisiert“ werden - das heißt an die Bedingungen außerhalb des (kalten) Magazins vorbereitet werden. Sonst kann sich, ähnlich wie bei einer kalten Limonade aus dem Kühlschrank, Kondenswasser bilden, welches das Schriftgut beschädigen kann. Dieser Prozess kann jedoch bis zu 24 Stunden dauern und erhöht zusätzlich den Aufwand sowie die Dauer bis etwas bereitgestellt werden kann. Klimatisierung ist daher ein zentrales Steuerungselement, um chemische Aktivitäten, Bildung von Schimmel oder Bekämpfung von Schädlingen zu regulieren.
Das 1985 veröffentlichte Diagramm aus der Arbeit von Scofield et al. zeigt unter welchen Bedingungen bestimmte Prozesse aktiv werden.
Die Lösung ist, ein möglichst angepasstes Klima in einem Archivmagazin herzustellen. Idealerweise sollte dies abgedunkelt und abgeschirmt von UV-Licht, wohltemperiert, nicht zu trocken oder zu feucht, und möglichst mit nur sehr geringen Klimaschwankungen passieren. Doch was heißt das konkret? Nun das hängt ein bisschen davon ab, welche Objekte konkret in einem Raum eingelagert werden. Im Prinzip hat jede Archivaliengattung ihre eigenen optimalen Lagerbedingungen. Je nach Voraussetzungen können hierfür spezifische "Klimazonen" eingerichtet werden, mit Variationen hinsichtlich der Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur. Einige größere Archive halten beispielsweise bis zu 18 verschiedene Klimazonen in ihren Räumen vor. Bei kleineren Archiven mit nur begrenzten Baulichkeiten wird meist versucht, einen Korridor zu wählen, in dem sich die Mehrheit der Archivalien "wohlfühlt".
Auch wird versucht, die Schwankungen der relativen Luftfeuchtigkeit und Temperatur möglichst gering zu halten. Je präziser man dies regeln möchte, umso mehr Technik und Strom wird in der Regel benötigt. Um die Kosten und den Aufwand dafür im Rahmen zu halten, gibt es verschiedene Baukonzepte und -materialien, die beispielsweise eine (teilweise) passive Kühlung ermöglichen oder durch Verwendung einer Hypokaustenheizung ein langsames Gleiten der Temperaturen über die Jahreszeiten hinweg ermöglichen. Dieser Ansatz des eher langsamen Übergehens ist dabei verhältnismäßig neu und löst mittlerweile ältere Ansätze von starren, konstanten Klimawerten (z. B. 18°C bei 45% rel. Luftfeuchtigkeit) ab.
Beispielwerte für "gleitende" Klimabedingungen in Archiven
Änderung rel. Luftfeuchte je Stunde:
≤2,5 %
Änderung rel. Luftfeuchte je Tag:
≤ 5,0 %
Min/Max rel. Luftfeuchte während Woche:
45 % - 50 %
Saisonales Gleiten rel. Luftfeuchte während eines Jahres:
+ 5 % (Sommer) … -5 % (Winter)
Änderung Temperatur während einer Stunde:
≤ 1 °C
Saisonales Gleiten der Temperatur während eines Jahres:
4 °C – 28 °C (im Idealfall höchstens 150h / Jahr zwischen 24°C und 28°C)
Bau von Bibliotheken und Archiven – Anforderungen und Empfehlungen für die Planung (DIN 67700:2009)
Bild-Aufzeichnungsmaterialien - Lagerungsbedingungen für die Archivierung von Beständen mit unterschiedlichen Medien (ISO 18934: 2011)
Erhaltung des kulturellen Erbes - Festlegungen für Standort, Errichtung und Änderung von Gebäuden oder Räumlichkeiten für die Lagerung oder Nutzung von Sammlungen des kulturellen Erbes (DIN EN 16893:2018)
Information und Dokumentation - Anforderungen an die Aufbewahrung von Archiv- und Bibliotheksgut (DIN ISO 11799: 2017)
Scofield, E.M.; Arundel A.; Sterling, T.D. (1985): Criteria for Human Exposure to Humidity in Occupied Buildings (ASHRAE Transactions 91/1) S. 611–622. Online verfügbar: http://sterlingiaq.com/photos/1044922973.pdf