Veringen - Ein Ortsname wird normiert

07.05.2025 |

Dass es lange Zeit mehrere Schreibvarianten für Ortsnamen gab, kann zugleich spannend und herausfordernd für die Recherche sein. Aus dem Dekanat Veringen (Hohenzollern) ist ein Brief aus dem Jahr 1844 erhalten, welcher den vielen Namensvariationen ein Ende setzte, indem er die (künftig) einzig korrekte Schreibweise vorgab.

An eine neue Schreibweise gewöhnt man sich vergleichsweise gut. Für Karlsruhe wurde die heute überall bekannte Variante mit dem Anfangsbuchstaben K im Jahre 1879 im Amtsblatt der Erzdiözese mitgeteilt, wie der Ausschnitt unten zeigt:

Amtsblatt 1879, Nr. 2, S. 9
 
Auch die Schreibung von zusammengesetzten Ortsnamen, mit oder ohne Bindestrich, in einem Wort oder getrennt, sorgte wohl in der Vergangenheit für Verwirrung und wollte geregelt werden. Ein im Amtsblatt abgedruckter Erlass von 1910 gab ein paar Leitlinien und Beispiele.

Amtsblatt 1911, Nr. 4, S. 296
 
Die Bemühungen um eine normierte und anerkannte Orthografie ist eine Sache. Sie erweist sich heutzutage für die Recherche als Vorteil, da man genau weiß, wohin man in den diversen Hilfsmitteln und alphabetischen Ortsregistern schauen muss. Umständlicher wäre es, alle denkbaren und aussprechbaren Varianten eines Ortsnamens einzubeziehen – zumal man auf manche kreativen Formen mit unerwarteten Buchstabendopplungen oder -konstellationen vermutlich gar nicht erst käme. Möchte man das verfügbare Material oder sein Wissen noch mit nützlichen Metadaten anreichern oder mit weiterführenden Informationen verknüpfen, ist eine Normierung sogar eine notwendige Voraussetzung.
Zu Veringen
Im unten abgebildeten Schreiben von 1844 teilte die Fürstlich Hohenzollernsche Geheime Konferenz ihren Beschluss mit, dass „die bisher sehr verschieden geschriebenen Namen – Vöhringen, Vöringen, Vehringen, Veeringen und Veringen – nach der wahrscheinlichen Bedeutung Veringen richtig geschrieben werden muß“. Nicht ganz klar ist, warum die letztlich festgelegte Variante überhaupt die ‚wahrscheinliche Bedeutung‘ darstellte oder was man damit genau meinte. Eine Verwechslung mit dem circa 90 Kilometer entfernten Vöhringen (Lkr. Rottweil) war nun immerhin ausgeschlossen, sollte sie jemals ein Problem dargestellt haben.
 
Auszug aus: EAF, Dek Veringen 506.
 
Eine andere, aber sicherlich auch interessante Frage, wäre, was Veringen eigentlich ist oder war. Das ist beim näheren Blick auf die Quellen nicht so eindeutig wie die Orthografie seit 1844. Genau genommen ist es nämlich nicht nur ein historischer Ort mit sich verändernder Namenszuweisung (heute: Gemeinde Veringenstadt), sondern auch die Bezeichnung für ein anderes geografisches Gebilde: das Dekanat Veringen. 
 
Als Ortsname ist Veringen zwar sehr alt, aber es finden sich zeitgleich die Benennungen Veringen, Veringendorf und später noch Veringenstadt. Die Investiturprotokolle der Diözese Konstanz aus dem 15. und 16. Jahrhundert führen zum Beispiel die Nikolauskapelle (vermutlich ein Vorgängerbau der heutigen Pfarrkirche St. Nikolaus) als capella S. Nicolai in oppidum Feringen auf. Ebenfalls taucht in den Protokollen eine Pfarrkirche (wohl St. Michael in Veringendorf) als in Veringen oder in ville Veringen auf. Evident ist zunächst also nichts und es dürfte einer genaueren Prüfung bedürfen, um zu ermitteln, was gerade gemeint war, wenn nur „Veringen“ zu lesen ist.
 
Im EAF kann man anhand der Akten nachvollziehen, dass das Landkapitel Veringen am 21. November 1811 errichtet worden ist – damals als Landkapitel unter dem Namen Vöringen – und mit 19 Pfarreien, darunter Vöringendorf und Vöringenstadt. Der erste Dekan wurde 1812 gewählt; von einer Bibliothek gibt es seit 1821 erste Unterlagen; die Kapitelskonferenzen und -protokolle sind ab 1822 überliefert und die Statuten ab 1827. Einige Dotationsurkunden (in Original oder Abschrift) erhellen die Geschichte einiger Pfarreien des Dekanats: so wurde der Beschluss zur Errichtung der Pfarrei Veringenstadt im Jahr 1821 durch die Zusammenlegung der zwei bis dahin getrennten Kaplaneien gefasst; Veringendorf gab es bereits weitaus früher. Das Dekanat Veringen wurde schließlich 1976 aufgehoben und seine Pfarreien verteilte man auf die Dekanate Sigmaringen und Zollern.
 
Räume wandeln sich aus den unterschiedlichsten Gründen. Die konkrete Zugehörigkeit von Orten kann sich beispielsweise durch einen Herrschaftswechsel, einen Verkauf, Eingemeindungen oder eine umfangreichere Gebietsreform verändern – und das stellt mitunter eine Herausforderung für die Recherche dar. Genauso ist eine politische Gemeinde nicht automatisch deckungsgleich mit der kirchlichen Gemeinde desselben Namens. Da ist man vielleicht ganz froh, wenn man es bei der Schreibweise schon mal nicht mehr mit einem Facettenreichtum zu tun hat. Für die vielen anderen Fragen bewahrt das EAF eine ganze Reihe interessanter Archivalien auf, denen man sich in unserem Lesesaal sehr gerne widmen darf.
 
Sarah Mammola
Nutzung
Das Dekanatsarchiv Veringen wurde 2023 erschlossen und verzeichnet. Es umfasst 558 Archivalieneinheiten und deckt den langen Zeitraum von 1501 bis 1976 ab; der Schwerpunkt der Überlieferung liegt im 19. Jahrhundert.
Weitere Akten finden sich beispielsweise in den Unterbeständen „Specialia Dekanate“ (A2 und B3).
 
Literatur
-Franz Hundsnurscher (Bearb.): Die Investiturprotokolle der Diözese Konstanz aus dem 15 Jahrhundert. Teil 2, Lachen-Zwiefaltendorf (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württermberg, Reihe A, Quellen, 48), Stuttgart 2008 [S. 966-967 für Veringendorf u. S. 967-968 für Veringenstadt].
-Johann Adam Kraus: Zwei Ablaßbriefe aus Veringendorf, in: FDA 78 (1958), S. 225-227.
-Manfred Krebs (Bearb.): Die Investiturprotokolle der Diözese Konstanz aus dem 15 Jahrhundert. Teil 5, in: FDA 72 (1952), Anhang, S. 787-1047 [S. 920-921 für Veringen u. S. 921-922 für Veringendorf].
-Eintrag zu Veringendorf auf LeoBw: https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/21377/Veringendorf+-+Altgemeinde%7ETeilort