EAF - da ist Musik drin

06.12.2024 |

Das EAF ist das historische Gedächtnis des Erzbistums und seiner Vorgängerbistümer. Zu seinen Nutzern gehören Hobbygenealogen ebenso wie Geschichtsprofessorinnen, geforscht wird zu Fragen der Wirtschafts- oder Kulturgeschichte ebenso wie zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche quer durch die Jahrhunderte oder zur Rechtsprechung in Staatsgebilden der frühen Neuzeit. Dass sich zur Orts- und Pfarreigeschichte oftmals sehr aussagekräftige Quellen im EAF finden lassen, gehört unter Heimatforscherinnen zur Allgemeinbildung, aber auch zu unzähligen anderen Themen kann man hier fündig werden. 
Weniger bekannt ist die Tatsache, dass das EAF auch für (kirchen)musikalisch Interessierte eine wahre Fundgrube sein kann. Eigentlich ist dies nicht verwunderlich, denn die jeweilige kirchliche Obrigkeit, quer durch alle Ebenen der Hierarchie, hat sich immer wieder mit musikalischen Fragen befasst, und daher sind in kirchlichen Archiven meist auch Quellen zur Musik vorhanden. 

Im EAF sind dies etwa die Unterlagen, die bei der Herausgabe von Gesang- und Gebetbüchern oder bei der Erarbeitung von Verordnungen zur Kirchenmusik entstanden. Die Kirchenvisitationsakten können Einblicke in die musikalische Praxis in den Pfarreien bieten, wurde doch meist auch die gottesdienstliche Musik in den Blick genommen. Und dass die Akten über Orgel- und Glockeninspektion kirchenmusikalisch bedeutsam sind, versteht sich von selbst.

Zu den musikhistorisch spannendsten Quellen, die das EAF verwahrt, gehören die handschriftlichen Proben- und Aufführungstagebücher des von 1838 bis 1869 amtierenden ersten Freiburger Domkapellmeisters Leopold Lumpp (1801-1870). Darin hat er ab dem Neujahrstag 1842 für jeden Sonn- und Feiertag akribisch festgehalten, welche Werke aufgeführt – und zuvor meist auch geprobt – wurden.
 
EAF, Na 111-1, Aufführungstagebuch DKM Leopold Lumpp
 
Die Nutzung ist freilich alles andere als barrierefrei, denn die Handschrift ist nicht leicht lesbar, und dass Lumpp viele sehr spezielle Abkürzungen verwendet hat, macht die Lektüre nicht einfacher. Belegt ist beispielsweise, dass in Lumpps Amtszeit jeden Sonn- und Feiertag – außer in der Advents- und Fastenzeit – im Hochamt eine Orchestermesse mit Soli und Chor aufgeführt wurde, oder dass am 30. und 31. März sowie am 1. April 1842 in den drei Totenmessen für den am 21. März 1842 – es war der Montag der Karwoche – verstorbenen Erzbischof Ignaz Demeter jeweils das Requiem in c-Moll des Mozart-Zeitgenossen und -Freundes Joseph von Eybler (1765-1846) musiziert wurde. Oftmals kommentierte Lumpp die Aufführungen und gab beispielsweise an, ob die Werke vollständig oder mit Kürzungen aufgeführt wurden, ob einzelne Musiker unentschuldigt fehlten oder deutlich hörbare Patzer vorkamen. 
 
Den wichtigsten Fundort für Musik im EAF stellt aber zweifellos die Musikaliensammlung samt dem zugehörigen, derzeit allerdings nur in Form einer nicht öffentlich zugänglichen Datenbank vorhandenen Katalog dar. Dieser entspricht zwar weder bibliothekarischen noch musikwissenschaftlichen Normen, sondern ist von Archivaren mit archivischem Handwerkszeug erstellt, lässt aber gleichwohl vielfältige und durchaus ergiebige Recherchen zu. So ergibt beispielsweise eine Volltextsuche mit dem Suchbegriff „*brixen*“ mehrere Treffer – und liefert somit ein nicht unbedingt zu erwartendes Ergebnis. Ein näherer Blick auf die Treffer zeigt freilich schnell, dass dem Ergebnis nicht etwa bislang unbekannte kirchlich-musikalisch-politische Verbindungen zwischen dem Breisgau und Südtirol zugrunde liegen (auch wenn es ein ehemaliger Münsterpfarrer, Bernhard Galura, später noch zum Fürstbischof von Brixen brachte). Vielmehr lässt sich der Befund zwanglos dadurch erklären, dass in der Musikaliensammlung des EAF mehrere Werke des ehemaligen Brixener Domkapellmeisters Ignaz Mitterer (1850-1924) vertreten sind. 

Auch nach Gattungen, Werktiteln, Komponistennamen oder anderem lässt sich in der Datenbank suchen, sei es, dass man Werke finden will, deren Besetzung die Verwendung einer Tuba erfordert, oder sei es, dass man sich für die regionale Mozart-Überlieferung interessiert. So finden sich beispielsweise einige vermutlich aus dem Kloster Salem stammende Handschriften von Arien oder Duetten Wolfang Amadé Mozarts oder ein Exemplar jenes im Jahr 1800 bei Breitkopf und Härtel in Leipzig erschienenen Partiturdrucks von „W. A. Mozarts Seelenmesse mit unterlegtem deutschem Texte“, in der das berühmte Posaunensolo zu Beginn des „Tuba mirum“ ab Takt 5 dem Fagott zugeschrieben ist.
 
Den eigentlichen Wert der Musikaliensammlung des EAF machen aber nicht die Druckausgaben von Werken großer Meister wie Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert oder Bruckner aus. Ein Alleinstellungsmerkmal sind viel eher jene Werke und Komponisten, für die das EAF die weitgehend singuläre Überlieferung darstellt. Hierzu gehören beispielsweise die nur regional bekannten Tonschöpfer Oskar Baumann (1901-1985), Heinrich Grüner (1909-1981) und Karl Schmider (1935-2022), aber auch der Karlsruher Wilhelm Kalliwoda (1827-1893), Sohn des ehemaligen Donaueschinger Hofkapellmeisters Johann Wenzel Kalliwoda (1801-1866), der im Jahr 1857 dem damaligen Freiburger Erzbischof Hermann v. Vicari (1773-1868) anlässlich seines 25. Bischofsweihe-Jahrtags die mit einem aufwendig gestalteten Widmungs-Titelblatt versehene Reinschrift der Partitur einer Messe für Chor und Bläser vermacht hatte. 
 
Kalliwoda-Titel
 
Den Kern- und Ausgangsbestand der Musikaliensammlung des EAF bilden jene aus dem 19. Jahrhundert stammenden, vielmals handgeschriebenen Partituren und Stimmen der Freiburger Dommusik, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als unbrauchbar ausgesondert und dem EAF übergeben wurden – und die somit, Ironie der Geschichte, anders als die für wertvoller gehaltenen und im Notenarchiv der Dommusik verbliebenen Werke bei der Bombardierung Freiburgs am 27. November 1944 der Vernichtung entgangen sind. 

Im EAF haben sich einige von Lumpps Kompositionen erhalten, ebenso wie Werke seiner gleichfalls komponierenden Nachfolger Johannes (1831-1882), Gustav (1847-1916) und Carl Schweitzer (1867-1943), von zweistimmigen Marienliedern bis zu großbesetzten Orchestermessen. Weitere musikschöpferisch aktive und musikgeschichtlich interessante Menschen, von denen das EAF Werke verwahrt, sind die Priester Joseph Schulz (1836-1919) oder Sylvester Bürgenmaier (aka „Waldmann von der Au“, 1841-1913). Ersterer hat darüber zudem seine Funktionärstätigkeit im Diözesancäcilienverband weitere interessante Spuren hinterlassen.
 
Darüber hinaus gibt es vielfältige weitere Quellen zur Musik in den Beständen des EAF. Dazu gehören beispielsweise die Rechnungen der „Freiburger Münsterfabrik“, in denen Aufwendungen für die gottesdienstliche Musik mehr oder minder detailliert festgehalten sind. Des Weiteren seien die oftmals als Einbandmakulatur erhaltenen Fragmente von Musikhandschriften erwähnt, die freilich größtenteils noch der Entdeckung und Zugänglichmachung harren – das vor einigen Jahren aufgefundene und musikwissenschaftlich untersuchte Fragment eines vermutlich im 12. oder frühen 13. Jahrhundert im Bodenseeraum geschriebenen Missale ist bis heute leider fast singulär. 
 
Missale-Fragment

Abschließend seien noch einige der mehr oder minder vergessene Komponisten des letzten Vierteljahrtausends genannt, von denen teils durchaus interessante Werke im EAF erhalten sind – der Einfachheit halber auf solche Personen beschränkt, zu denen es Artikel in „Wikipedia“ gibt:
Johann Kaspar Aiblinger, Johann Baptist Benz, Johann Evangelist Brandl, Moritz Brosig, Luigi Cherubini, Karl Ludwig Drobisch, Caspar Ett, Joseph von Eybler, Max Filke, Robert Führer, Johann Gänsbacher, Johann Evangelist Habert, Ferdinand Kirms, Robert Lucas Pearsall, Johann Baptist Schiedermayr der Ältere, Joseph Ignaz Schnabel, Ignaz von Seyfried, Georg Joseph Vogler, Carl Bonaventura Witzka.
 
Auch einige „Cäcilianer“ sind vertreten, darunter der von Heinrich Hansjakob hoch gelobte Johannes Diebold (lange Organist in Freiburg-St. Martin), Johann Baptist Molitor, der erste Beuroner Organist, spätere Konstanzer Münstermusikdirektor und Vater des bedeutenden Choralforschers Raphael Molitor OSB, aber auch renommiertere Männer wie 
Vinzenz Goller, Carl Greith, Peter Griesbacher, Josef Gruber, Franz Xaver Haberl, Michael Haller, Ignaz Mitterer, Franz Xaver Witt.

Janotha-Ave-Titel
 
Werke von komponierenden Frauen sind hingegen praktisch nicht vorhanden – die möglicherweise einzige Ausnahme stellt das Ave Maria von Nathalie Janotha (1856-1932) dar, das sie Papst Leo XIII. zu seinem goldenen Bischofsjubiläum 1893 gewidmet hatte.
 
Christoph Schmider
Literatur
-Klaper, Michael: Ein neues Missalefragment im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg (Br.), in: Musik in Baden-Württemberg 14 (2007), S. 173-178.
-Schmider, Christoph: „Gotteslob mit Hörnerschall“ oder „Gräuel an heiliger Stätte“? Untersuchungen zur kirchenmusikalischen Praxis im Erzbistum Freiburg in der Zeit zwischen Errichtung des Bistums und Gründung des Diözesan-Cäcilien-Verbandes (1821/27-1878). Freiburg, München 1994 (Forschungen zur Oberrheinischen Landesgeschichte 40), S. 42-54.
-Schmider, Christoph: Johann Baptist Molitor und Johannes Diebold. Zwei caecilianische Kirchenmusiker aus Hohenzollern, in: Zeitschrift für hohenzollerische Geschichte 34 = 120 (1998), S. 171-186.