Speykästchen und Spagatkapseln
02.04.2026 |
Büroausstattung im frühen 19. Jahrhundert
Nachdem Papst Pius VII. mit der Bulle „Provida solersque“ vom 16. August 1821 die Oberrheinische Kirchenprovinz und zugleich die Erzdiözese Freiburg kirchenrechtlich errichtet hatte, dauerte es noch mehr als sechs Jahre, bis sie tatsächlich den Betrieb aufnehmen konnte. Hauptgrund für die Verzögerung war die Personalgewinnung, wobei es sich insbesondere bei der Besetzung des Bischofsstuhls um eine hochpolitische und entsprechend komplizierte Angelegenheit handelte. Erst am Sonntag, dem 21. Oktober 1827 war die Weihe und Amtseinführung des ersten Freiburger Erzbischofs, Bernhard Boll, und gleich am Folgetag sollte die zentrale Verwaltung mit der Arbeit beginnen.
Auch damit lief freilich nicht alles von Anfang an rund. Das begann schon damit, dass nicht alle benötigten Räumlichkeiten rechtzeitig frei und bezugsfertig geworden waren. So dauerte es beispielsweise noch mehr als zwanzig Jahre, bis das Erzbischöfliche Ordinariat – seinerzeit Kanzlei genannt – tatsächlich in das dafür vorgesehene „Haus zum Herzog“ in der Salzstraße einziehen konnte. In der Zwischenzeit fand es Asyl im Priesterseminar, dem heutigen Collegium Borromaeum. Dass Studenten und Verwaltung nicht völlig konfliktfrei und ohne Reibungsverluste miteinander auskamen, kann man sich denken.
Doch nicht nur in derart zentralen Punkten musste improvisiert werden. So bemerkte etwa der künftige Erzbischof Bernhard Boll erst kurz vor der Amtseinführung, dass niemand – er selbst eingeschlossen – sich rechtzeitig um die erforderlichen Insignien, Gewänder und sonstigen Ausstattungsstücke gekümmert hatte. An und für sich hätten die meisten Dinge noch in Konstanz zu finden gewesen sein müssen, doch dort war anscheinend seit dem Tod des letzten Bischofs Karl Theodor von Dalberg im Jahr 1817 so manches abhandengekommen. Ein Pektorale gab es noch, ebenso wie zwei Bischofsstäbe, die Boll auf eigene Kosten holen und wieder aufpolieren ließ. Auch alles andere traf, teils in letzter Minute, in Freiburg ein, so dass der neue Erzbischof angemessen ausstaffiert zur Weihe und Inthronisation antreten konnte.
Damit am Tag nach den feierlichen Zeremonien die Arbeit richtig losgehen konnte, mussten nicht nur Personal und Arbeitsräume vorhanden sein, sondern man benötigte auch das richtige Handwerkszeug. Über die standesgemäße Größe von iPhones brauchte man sich noch keine Gedanken zu machen, über „Dintenfässer“, „Putzscheren“ (zum Kürzen von Kerzen und Lampendochten) und „Speykästchen“ hingegen sehr wohl. Der Registrator der Erzbischöflichen Kurie, Karl Eccardt, erstellte am 28. Februar 1831 ein „Verzeichniß der Inventarienstücke und der Kosten, welche die erste Einrichtung der Erzbischöflichen General Vicariats Kanzleÿ bereits erfordert hat, und was hieran noch zu leisten ist“.
Aus dieser Zusammenstellung kann man recht detailliert entnehmen, wie die Arbeitsräume ausgestattet waren, aber auch, welche Handwerker und Kaufleute als Lieferanten und Dienstleister benötigt wurden. Ganz nebenbei lernt man noch einige recht exotisch anmutende, weil längst ausgestorbene Berufsbezeichnungen kennen, wie sie sich beispielsweise im Freiburger Adressbuch von 1830 finden:
Die Liste beginnt mit Gerätschaften, die für den Registrator besonders wichtig waren: Sattler Lang hatte sechs lederne „Aktenriemen“ geliefert, Buchbinder Lutz „16 Stück Aktenfaszikeldekel zum Herumtragen der Akten“, und „Instrumentenmacher“ Haußmann u. a. vier Papierscheren, vier Radiermesser und vier Aktenstecher. Die beiden Drechsler Bossy und Widmann lieferten „2 paar Dintenfässer“, „1 Spagatbüchse“, „2 Spagatkapseln“ und somit zugleich ein Rätsel – das sich freilich dann recht leicht lösen lässt, wenn man, ausgehend von der Tatsache, dass Freiburg bis 1803 österreichisch gewesen war, herausgefunden hat, dass ‚Spagat‘ nichts anderes als Bindfaden ist.
Für die Ausstattung von Registratur, Schreibstube (Sekretariat) und Expeditur wurden ferner u.a. eine Leiter, sieben „Liniale“, sechs „Speykästchen“, ein „Cleiderrechen“, „4 messingene Leuchter“, ein „Schwamm zum Abtrocknen der Canzleÿfenster“, eine „kleine messingene Glocke auf den Sitzungstisch“, „2 paar Dintengefäse“ sowie „Deckel auf die Dintenhäfen“ benötigt. Auch grüne Vorhänge „zu Abweisung des Sonnenscheines“ sowie nicht zuletzt „eine holzerne Wanduhr“ durften nicht fehlen.
Gearbeitet werden sollte freilich nicht nur in der Registratur, sondern in der gesamten „Canzleÿ“, und so mussten auch die übrigen Räume entsprechend ausgestattet werden. Schreiner Thoma lieferte je fünf Schreibtische und Schreibpulte, 24 große Aktenschränke sowie einen Schreibsessel, der für den Kanzleidirektor gedacht war und von „Tapezier“ Buisson gepolstert und bezogen wurde. Ein anderer Schreiner namens Erhardt reparierte die „Canzleÿthüre“ und sorgte für vier weitere „Speykästchen“, was spätestens hier die Vermutung aufkommen lässt, dass seinerzeit eifrig Kautabak konsumiert wurde.
Auch einen Sitzungssaal brauchte das Erzbischöfliche Ordinariat, der entsprechend eingerichtet und ausgestattet werden musste. Dazu erstand man bei Schreinermeister Albrecht „12 Armsessel und eine Fauteuille“ und zudem „12 nußbaumene und polirte Sessel in die Canzleÿzimmer“. Diese Zahlen wirken auf den ersten Blick erstaunlich, denn der gesamte Geistliche Rat, also der Vorläufer der heutigen Kurienkonferenz, bestand aus den sechs Domkapitularen und dem Erzbischof. Die insgesamt 13 Sitzgelegenheiten im Sitzungszimmer waren wohl symbolisch zu verstehen. Und die 12 Nussbaumstühle könnten bedeuten, dass sechs Büros vorhanden waren, in denen jeweils ein Stuhl für den dort Arbeitenden und einer für eventuelle Besucher stand.
Dafür, dass man im Sitzungszimmer bequem saß, war „Tapezier Büsson“ zuständig. Er polsterte und bezog das „Fauteuill“ sowie die 12 Armsessel, fertigte einen „Tischteppich von grünem Billardtuch“ sowie Vorhänge („Traperien“) mit Fransen für die zwei Fenster. Nicht dokumentiert ist, von wem das „Cruzefix gut gearbeitet auf den Sitzungstisch“ stammte, während das Kanzleisiegel von „Graveur Crepper“ angefertigt wurde und die „Hausganglaternen“ von Glasermeister Billeisen. Für „Schellenzüge und Glocken“ sowie zahlreiche nicht näher spezifizierte Schlosserarbeiten war Schlosser Wilhelm verantwortlich, und ein Schlosser namens Schlosser schließlich hatte „2 große messingene Leuchter“, eine „feine“ sowie zwei „eiserne Putzscheren“, dazu eine „Cohlpfanne“ und eine „starke Herdschaufel“ geliefert.
Christoph Schmider




