Archive mysteries: Adressat gesucht
04.03.2026 |
Der Inhalt des Briefes ist für die Freiburger Bistumsgeschichte wohl kaum relevant, aber er ist dennoch unter verschiedenen Gesichtspunkten interessant, nicht zuletzt deswegen, weil er mehrere bislang ungelöste Rätsel enthält. Beginnen wir mit dem nicht rätselhaften gedruckten Briefkopf. Er stellt eine Ansicht der Stadt Freiburg aus nördlicher Richtung dar, mit dem Münster im Mittelpunkt, dem Schwabentor am linken Bildrand, der Ludwigskirche am rechten und dem Schönberg im Hintergrund. Darüber hinaus sind mehrere (Kloster-)Kirchen zu erkennen.
Der Brief selbst, dessen Entzifferung keine größeren paläographischen Schwierigkeiten bereitet, hat folgenden Wortlaut:
Auch der aus Sinsheim-Dühren stammende Julius Straßburger (1824-1877) ist per Online-Recherche in den Beständen des GLA sowie des Staatsarchivs Ludwigsburg zu finden: Im Nachlass des Pädagogen Felix Sebastian Feldbausch (1795-1868), seit 1844 einer der Direktoren des Heidelberger Lyceums, finden sich einige Briefe zu Straßburgers Aufnahme in die Schule. Darüber hinaus ist Straßburgers Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Waibstadt erhalten (vgl. Staatsarchiv Ludwigsburg EL 228 b II Nr. 47585-47586).
Schwieriger wird es beim „Herrn Schwager Nestler“ des nicht genannten Adressaten von Martins Brief. Über ihn Näheres zu ermitteln dürfte recht aufwendig werden. Immerhin ist klar, dass er irgendwann zwischen 1818 und 1827, als Johann Adam Martin dort Stadtpfarrer war, in Sinsheim gewesen sein muss und bis 1845 irgendwie Karriere gemacht hatte. Handelt es sich vielleicht um jenen Friedrich Nestler, der im Badischen Staatshandbuch von 1845 als Rat beim Hofgericht in Mannheim aufgeführt ist?
Bleibt die Frage, an wen Generalvikar Martin seinen Brief adressiert hatte. Es muss ein Mensch mit dem Titel Hofrat sein, der nicht lange zuvor in Martins Heimatstadt Heidelberg eine „Beförderung“ sowie eine „Ehrenauszeichnung“ erhalten haben muss und der in schulischen Angelegenheiten etwas zu sagen hatte. Somit könnte Karl Zell (1793-1873) in den Fokus rücken, der Mitglied der obersten badischen Schulbehörde, des Oberstudienrats, war, der um das Jahr 1845 zum Hofrat ernannt wurde und – möglicherweise ebenfalls in dieser Zeit – die Ehrendoktorwürde der Heidelberger Universität erhielt. Und: Karl Zell korrespondierte 1844 mit Feldbausch in Sachen Julius Straßburger.
Ging der Brief vielleicht an Felix Feldbausch, was von der Sache her ohnehin naheliegt? Feldbausch war im Sommer 1845 zum Hofrat ernannt worden, hatte also kurz bevor Martin den Brief schrieb eine „Ehrenauszeichnung“ erhalten. Allerdings gibt es auch in diesem Fall das Problem mit der Schulfreundschaft, denn Feldbausch ist fast 30 Jahre jünger als Martin. Aber sie müssen nicht unbedingt Klassenkameraden gewesen sein – vielleicht waren sie zeitweilig Kollegen, oder Martin war Feldbauschs Lehrer gewesen?
Vermutlich müsste man zuerst Herrn Nestler identifizieren und herausfinden, welcher Hofrat sein Schwager war, um Gewissheit zu erhalten. Sollte tatsächlich Zell der Adressat sein, dann gäbe es übrigens noch eine weitere Verbindung zum EAF: Sein Sohn Franz Anton Zell (1826-1901) war seit 1857 Erzbischöflicher Archivar.
Nachdem wir nun verschiedene der Rechercheinstrumente, die Archivarinnen und Archivaren zur Verfügung stehen, mit mäßigem Erfolg durchexerziert haben, bleibt noch eine Möglichkeit: Wir drehen den Brief um und schauen auf der Rückseite nach. Dort steht, von einer Hand des 20. Jahrhunderts mit Bleistift geschrieben, „Gen. Vic. Martin“ – was nicht wirklich weiterhilft.
Es kommt gar nicht so selten vor, dass in Archiven Dinge zu finden sind, die man da nicht erwarten würde. Das können Objekte sein, die auch mit viel gutem Willen kaum als Archivgut zu bezeichnen sind, seien es Gipsköpfe von Päpsten oder mumifizierte Blindschleichen – beides vor Jahrzehnten in stillen Winkeln des EAF entdeckt. Dazu gehören aber auch Schriftstücke, die eigentlich gar nicht in das fragliche Archiv gehören, sondern auf mitunter unbekannten Wegen dorthin gelangt sind.
So beispielsweise ein Brief, den der von 1844 bis 1850 amtierende Generalvikar Johann Adam Martin (1767-1850) am 7. Oktober 1845 an einen namentlich nicht genannten Herrn geschrieben hat. Und es ist nicht etwa ein Konzept – das wäre geradezu zu erwarten und somit nicht der Rede wert – sondern eine von Martin eigenhändig geschriebene und unterschriebene Ausfertigung. Dieser Brief, der seinen mutmaßlich vor etwa anderthalb Jahrhunderten verstorbenen Empfänger offenkundig erreicht hatte, ging durch mehrere Hände, bis er im 21. Jahrhundert an seiner Endstation, dem EAF, ankam.
Der Inhalt des Briefes ist für die Freiburger Bistumsgeschichte wohl kaum relevant, aber er ist dennoch unter verschiedenen Gesichtspunkten interessant, nicht zuletzt deswegen, weil er mehrere bislang ungelöste Rätsel enthält. Beginnen wir mit dem nicht rätselhaften gedruckten Briefkopf. Er stellt eine Ansicht der Stadt Freiburg aus nördlicher Richtung dar, mit dem Münster im Mittelpunkt, dem Schwabentor am linken Bildrand, der Ludwigskirche am rechten und dem Schönberg im Hintergrund. Darüber hinaus sind mehrere (Kloster-)Kirchen zu erkennen.
Gerahmt wird das Bild von den Fantasie-Statuen zweier Zähringer-Herzöge: Links Konrad I. (um 1090-1152), der als „Gründer des Münsters“ bezeichnet wird, und rechts dessen als „Gründer der Stadt“ titulierter Bruder Bertold III. (um 1085-1122). Am rechten Rand, außerhalb des Bildes, hat sich der Künstler verewigt, der Lithograph J[oseph] Kornhas, der im Freiburger Adressbuch von 1845 als Bewohner des Hauses Nr. 358 aufgeführt ist. Das Haus lag in der Nähe des Peterhofs, in der Zuchthausgasse, die später in Peterstraße umbenannt wurde und heute nicht mehr als Straße existiert. Ende der 1850er-Jahre zog Kornhas in die Herrenstraße um, wo sein Haus (Nr. 34) mit der kunstvoll bemalten Fassade noch heute in Blickfang ist.
Der Brief selbst, dessen Entzifferung keine größeren paläographischen Schwierigkeiten bereitet, hat folgenden Wortlaut:
Suavissime! Dilectissime!
Den freündlichsten Gruß zuvor!
H[er]r AltBürgerMeister Bodani zu Sinsheim, mein Freund, ersucht mich angelegenst, für den Neffen seines Handlungsgeschäftmannes Aaron Strasburger zu Düren, den Julius Stras[burger] um ein Fürwort bei Eüer Liebden – diesem Schüler von der unteren in die obere Quinta zu verhelfen, wo er durch verdoppelten Fleiß und besondere Nachhilfe sich beischaffen will. – Er soll seiner Zeit in den Niederlanden seine Versorg[un]g erhalten. Man vertraut auf ihre Directoralstimme, wenn es nur immer thunlich ist. Versuchen Sie es mit ihm, weil auch in vorgerücktem Alter desselben. Ich bitte Sie darum unter Anrufung unserer treüen Schulfreundschaft, die mir stets schätzbar und unvergeßlich ist. Sie werden sich dadurch neue und unverlierbare Rechte auf meine Ergebenheit erwerben.
Beiher empfangen Sie, lieber Hofrath, meine herzlichen Glückwünsche zu ihrer Beförderung in meiner Vaterstadt, und zu ihrer Ehrenauszeichnung. Grüßen Sie auch ihren Herrn Schwager Nestler, vormals mit mir in Sinsheim, vielmals. Wer hätte je an solche Stellungen dann gedacht, die uns Dreien jetzt geworden sind. – Gott segne und erhalte uns noch lange!
Auch ihrer verehrten Frau Gemahlin empfehlen Sie mich schönstens. Und nun, Amice!
cresce, vigesce, augesce, viresce, valesce, senesce!
ihr ergebenster Freund Dr. Martin, Erzb. Domkapitular u[nd] General Vicar.
Den freündlichsten Gruß zuvor!
H[er]r AltBürgerMeister Bodani zu Sinsheim, mein Freund, ersucht mich angelegenst, für den Neffen seines Handlungsgeschäftmannes Aaron Strasburger zu Düren, den Julius Stras[burger] um ein Fürwort bei Eüer Liebden – diesem Schüler von der unteren in die obere Quinta zu verhelfen, wo er durch verdoppelten Fleiß und besondere Nachhilfe sich beischaffen will. – Er soll seiner Zeit in den Niederlanden seine Versorg[un]g erhalten. Man vertraut auf ihre Directoralstimme, wenn es nur immer thunlich ist. Versuchen Sie es mit ihm, weil auch in vorgerücktem Alter desselben. Ich bitte Sie darum unter Anrufung unserer treüen Schulfreundschaft, die mir stets schätzbar und unvergeßlich ist. Sie werden sich dadurch neue und unverlierbare Rechte auf meine Ergebenheit erwerben.
Beiher empfangen Sie, lieber Hofrath, meine herzlichen Glückwünsche zu ihrer Beförderung in meiner Vaterstadt, und zu ihrer Ehrenauszeichnung. Grüßen Sie auch ihren Herrn Schwager Nestler, vormals mit mir in Sinsheim, vielmals. Wer hätte je an solche Stellungen dann gedacht, die uns Dreien jetzt geworden sind. – Gott segne und erhalte uns noch lange!
Auch ihrer verehrten Frau Gemahlin empfehlen Sie mich schönstens. Und nun, Amice!
cresce, vigesce, augesce, viresce, valesce, senesce!
ihr ergebenster Freund Dr. Martin, Erzb. Domkapitular u[nd] General Vicar.
Der Inhalt ist nicht schwer zu verstehen – es geht darum, dass der Generalvikar einer ihm über mehrere Ecken bekannten Person eine kräftige Dosis Vitamin B verabreichen will. Interessant wäre es, mehr über die erwähnten Personen zu erfahren, doch nicht alle lassen sich sicher identifizieren. Recht unproblematisch ist dies bei Jakob Anton Bodani, der von 1829 bis 1833 Bürgermeister von Sinsheim war. Zu ihm lassen sich weiterführende Hinweise in Akten des Generallandesarchivs Karlsruhe (GLA) finden.
Auch der aus Sinsheim-Dühren stammende Julius Straßburger (1824-1877) ist per Online-Recherche in den Beständen des GLA sowie des Staatsarchivs Ludwigsburg zu finden: Im Nachlass des Pädagogen Felix Sebastian Feldbausch (1795-1868), seit 1844 einer der Direktoren des Heidelberger Lyceums, finden sich einige Briefe zu Straßburgers Aufnahme in die Schule. Darüber hinaus ist Straßburgers Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Waibstadt erhalten (vgl. Staatsarchiv Ludwigsburg EL 228 b II Nr. 47585-47586).
Schwieriger wird es beim „Herrn Schwager Nestler“ des nicht genannten Adressaten von Martins Brief. Über ihn Näheres zu ermitteln dürfte recht aufwendig werden. Immerhin ist klar, dass er irgendwann zwischen 1818 und 1827, als Johann Adam Martin dort Stadtpfarrer war, in Sinsheim gewesen sein muss und bis 1845 irgendwie Karriere gemacht hatte. Handelt es sich vielleicht um jenen Friedrich Nestler, der im Badischen Staatshandbuch von 1845 als Rat beim Hofgericht in Mannheim aufgeführt ist?
Bleibt die Frage, an wen Generalvikar Martin seinen Brief adressiert hatte. Es muss ein Mensch mit dem Titel Hofrat sein, der nicht lange zuvor in Martins Heimatstadt Heidelberg eine „Beförderung“ sowie eine „Ehrenauszeichnung“ erhalten haben muss und der in schulischen Angelegenheiten etwas zu sagen hatte. Somit könnte Karl Zell (1793-1873) in den Fokus rücken, der Mitglied der obersten badischen Schulbehörde, des Oberstudienrats, war, der um das Jahr 1845 zum Hofrat ernannt wurde und – möglicherweise ebenfalls in dieser Zeit – die Ehrendoktorwürde der Heidelberger Universität erhielt. Und: Karl Zell korrespondierte 1844 mit Feldbausch in Sachen Julius Straßburger.
Damit ist freilich nicht bewiesen, dass tatsächlich Karl Zell der Adressat von Martins Brief war – gegen ihn spricht z.B. der Verweis auf die Schulfreundschaft. Zudem gibt es zur fraglichen Zeit am Heidelberger Lyzeum einen Lehrer namens Heinrich Friedrich Wilhelmi (1786-1860) der ebenfalls den Titel Hofrat führt. Allerdings ist auch er zu jung, um Martins Schulfreund sein zu können.
Ging der Brief vielleicht an Felix Feldbausch, was von der Sache her ohnehin naheliegt? Feldbausch war im Sommer 1845 zum Hofrat ernannt worden, hatte also kurz bevor Martin den Brief schrieb eine „Ehrenauszeichnung“ erhalten. Allerdings gibt es auch in diesem Fall das Problem mit der Schulfreundschaft, denn Feldbausch ist fast 30 Jahre jünger als Martin. Aber sie müssen nicht unbedingt Klassenkameraden gewesen sein – vielleicht waren sie zeitweilig Kollegen, oder Martin war Feldbauschs Lehrer gewesen?
Vermutlich müsste man zuerst Herrn Nestler identifizieren und herausfinden, welcher Hofrat sein Schwager war, um Gewissheit zu erhalten. Sollte tatsächlich Zell der Adressat sein, dann gäbe es übrigens noch eine weitere Verbindung zum EAF: Sein Sohn Franz Anton Zell (1826-1901) war seit 1857 Erzbischöflicher Archivar.
Nachdem wir nun verschiedene der Rechercheinstrumente, die Archivarinnen und Archivaren zur Verfügung stehen, mit mäßigem Erfolg durchexerziert haben, bleibt noch eine Möglichkeit: Wir drehen den Brief um und schauen auf der Rückseite nach. Dort steht, von einer Hand des 20. Jahrhunderts mit Bleistift geschrieben, „Gen. Vic. Martin“ – was nicht wirklich weiterhilft.
Christoph Schmider
Digitalisate der Badischen Landesbibliothek (BLB)
- Badische Gesetz- und Verordnungsblätter, 1803-1952 (> Zugang)
- Hof- und Staats-Handbuch des Grossherzogthums Baden 1834-1913 (> Zugang)




