Einblick in die Archivwissenschaft: Records Continuum Model (RCM)

07.05.2026 |

Ein Blick über den eigenen Tellerrand regt zum Entdecken und Nachdenken an. Es soll auch im Arbeitskontext schon mal vorgekommen sein, dass man neu erworbenes Wissen gewinnbringend einsetzen konnte. Falls es sich für die eigene Tätigkeit doch als unbrauchbar herausstellt, kann man sich zumindest über die schöne Gewissheit freuen, dass man vorher schon alles richtig gemacht hat. In diesem Beitrag soll es um ein theoretisches Modell gehen: das Records Continuum Model (RCM). 

Das RCM wurde in den 1990er Jahren in Australien entwickelt. Frank Upward, Sue McKemmish und Livia Iacovino waren maßgeblich mit den theoretischen Überlegungen und der grafischen Darstellung befasst (s. vereinfachte Abbildung) – allesamt an der Monash University in Melbourne wirksam und den Informationswissenschaften zugehörig.
 
Das Modell bezieht sich nicht nur auf digitale Unterlagen, auch wenn der Begriff „records“ eine Engführung auf elektronische Dokumente suggeriert. Die Theorie verbindet Records Management mit Archivierungspraxis und unterscheidet deshalb nicht begrifflich zwischen vorarchivischen Records und archivischem Schriftgut. Records werden dadurch zum Sammelbegriff für physische und elektronische Dokumente, unterschiedlichste Aufzeichnungen sowie Archivalien. Die Hinzufügung „continuum“ möchte die Multidimensionalität und Prozesshaftigkeit betonen, die sich im Wesentlichen als eine kontinuierliche Bearbeitung, Datenvernetzung sowie räumlich-zeitliche Neuverortung der Records begreift. Damit bietet das Modell einen Gegenentwurf zu der bei uns gängigen Vorstellung eines Dokumentenlebenszyklus - und genau das bereitet einige Schwierigkeiten.
Das Modell in Kurzform
Das RCM geht nicht von abgrenzbaren Zuständigkeiten und aufeinanderfolgenden Bearbeitungsschritten aus, die erst von Records Managern und anschließend von Archivarinnen und Archivaren durchgeführt werden. Es bevorzugt demgegenüber die Auffassung, dass Records im ständigen Werden begriffen sind, wiederkehrend räumlich-zeitlich neu verortet, um Kontextinformationen und verschiedene Blickwinkel ergänzt sowie parallel genutzt werden. 

Zum Verständnis visualisiert das 1996 präsentierte Modell vier Dimensionen in konzentrischen Kreisen: (1) „create“, (2) „capture“, (3) „organise“ und (4) „pluralise“. Diese Dimensionen sind keine Schritte in einer zeitlichen Abfolge, sondern stellen eine Ausweitung der Verfügbarkeit von Records dar, von einem kleinen Kreis bis hin zu einer größeren Öffentlichkeit. Diese Skalierung berücksichtigt neben den Personen auch die genutzten technischen Systeme, die Aufbewahrungsdauer sowie den gesellschaftlichen Stellenwert der Dokumente. 
 
(1) Mit „create“ verweist das RCM auf die Anfertigung eines Records, mit dem zunächst noch kein Umgang durch andere als die an seiner Entstehung beteiligte(n) Person(en) befasst ist bzw. sind. 
(2) Der aktive Zugriff erfolgt in „capture“, wenn also das Record in einen Kommunikationszusammenhang gesetzt wird, indem es mit weiteren Records zusammengeführt wird oder in menschliches Handeln übergeht. An dem Punkt werden Records zum Gegenstand von Management und es sind Metadaten vorhanden, die als kontextbildend und festhaltenswert verstanden werden. Oft sind dies Records mit Evidenzwert für geschäftliche oder gesellschaftliche Tätigkeiten, die in sicheren Systemen aufbewahrt werden und abrufbar sein sollen. 
(3) Die Dimension „organise“ bewegt sich in einem Umfeld, das sich der Überlieferungsbildung bewusst ist. Hierunter fallen die Entscheidung und die Schritte einer Organisation, die für sie wichtigen Records in eine Struktur zu bringen, in ein technisch langfristig verfügbares System zu integrieren und sogar ein eigenes Gedächtnis (z. B. Archiv) zu bilden. 
(4) In der „pluralise“ Dimension steht die Verfügbarmachung der Records im Vordergrund. Es werden Maßnahmen ergriffen, um den Informationswert der Records für Kultur und Gesellschaft dauerhaft zu erhalten.
 
Es geht beim RCM – das ist ein wichtiger Unterschied zur klassischen Archivlandschaft – nicht per se um Aufzeichnungen aus der Verwaltung. Die Records können zwar aus Verwaltungsprozessen stammen, genauso haben aber solche aus öffentlichen wie privaten Sammlungskontexten einen Platz, weil sie ebenfalls zur Formung des kulturellen Erbes einer Gesellschaft beitragen können. Damit kann das Modell etwas leisten, das bei uns häufig von den sogenannten Archiven von unten aufgefangen wird, welche wiederum trotz ihrer wertvollen Überlieferung hierzulande oft um ihren Fortbestand kämpfen müssen. 
Wie können wir das Modell anwenden?
Da sich unsere Arbeitspraxis vorwiegend nach dem Lebenszyklus von Dokumenten sowie Akten ausrichtet und dies tief in anknüpfenden Prozessen wie auch in Archivgesetzen verankert ist, erscheint die Umsetzung des RCM eher unrealistisch. Bei genauerer Betrachtung sind die Problemfelder ebenso vielseitig wie eklatant. Allerdings bleibt die Einbettung der Records in ein fluides Ganzes als Gedankengebäude durchaus spannend, weil es die Komplexität unserer Informationsgesellschaft gut greifen kann. Man könnte sich also fragen, ob man Teile des RCM sinnvoll in die eigenen Prozesse integrieren kann.
 
Einige kleinere Punkte sollen stichpunktartig genannt werden: 
  • Prozesse und Funktionen bedenken: zwischen beiden Dimensionen gibt es eine Wechselwirkung, im Alltag gerät die Funktion (und spätere Nutzungsmöglichkeiten) der Records durch die Einbindung in vorgegebene Prozesse jedoch oft in den Hintergrund
  • Grenzen abbauen: Zusammenarbeit von Records Management / Altregistratur und Archiv begünstigen; es geht nicht um die Einmischung in das Aufgabengebiet des anderen, sondern um den Austausch, Teilhabe an der fachlichen Expertise und die bestmögliche Sicherung der Records mitsamt Metadaten und weiteren Kontextinformationen
  • (Meta-)Datenauswahl überdenken: bei der Festlegung der zu übertragenden Metadaten vom DMS ins Archiv können Daten verlorengehen, weil man sie bisher als irrelevant für die Archivierung erachtet hat (z. B. Metadaten zu Geschäftsgängen, Verweise, Links, Versionen); durch die Erfahrung mit Nutzenden lässt sich einschätzen und über die Zeit hinweg auch aktualisieren, welche (Meta-)Daten außerdem noch interessant sein können
  • Verzeichnung anreichern: beständeübergreifende Querverweise in die Verzeichnung einbauen (z. B. wenn eine Einrichtung einen Nachlass und eine Personalakte zu einer Person hat) oder Teilbestände in anderen Archiven vermerken, damit die Auskunft an die Nutzenden auch ohne Spezialwissen von Archivmitarbeitenden gelingen kann
  • Forschungsprojekte aufnehmen: wenn mit Beständen oder Akten wissenschaftlich gearbeitet wurde, entsteht im Idealfall eine Publikation, die als Belegexemplar an das Archiv gegeben wird; man könnte diese Publikation oder die zugrundeliegenden, aufbereiteten Daten (z. B. Transkriptionen, Datenbanken) nach Absprache ebenfalls aufnehmen
  • Vernetzung: wenn möglich bei der Erschließung mit GND arbeiten und darüber hinaus die Nutzung von größeren Plattformen und Informationssystemen in Erwägung ziehen, um eigene Bestände sichtbar zu machen und mit anderen Beständen zu verknüpfen
 
Die genannten Punkte könnten dazu beitragen, dass die Records aufgewertet, die Zusammenarbeit gefördert, vorhandene Kontextinformationen vernetzt und die Wissensvermittlung (nach Innen und gegenüber den Nutzenden) verbessert wird. Trotz aller Schwierigkeiten mit dem RCM regt die Theorie zur Reflexion an und genau darin liegt das Potenzial für eine Weiterentwicklung auf unterschiedlichen Ebenen.
 
 
 
Sarah Mammola
 
Verwendete Literatur
  • Flynn, Sarah J. A.: The Records Continuum Model in Context and its Implications for Archival Practice, in: Journal of the Society of Archivists 22 (1/2001), S. 79-93. DOI: 10.1080/00379810120037522. 
  • Frings-Hessami, Viviane: Care Leavers’ records: a case for a Repurposed Archive Continuum Model, in: Archives and Manuscripts 46 (2/2018), S. 158-173. DOI: 10.1080/01576895.2018.1444996.
  • Frings-Hessami, Viviane: Continuum, continuity, continuum actions: reflection on the meaning of a continuum perspective and on its compatibility with a life cycle framework, in: Archival science 22 (1/2022), S. 113-128. DOI: 10.1007/s10502-021-09371-2. 
  • Hurley, Chris/McKemmish, Sue, Reed, Barbara/Timbery, Narissa: The power of provenance in the records continuum, in: Archival Science 24 (2024), S. 825-845. DOI: https://doi.org/10.1007/s10502-024-09463-9
  • McKemmish, Sue: Placing records continuum theory and practice, in: Archival Science 1 (2001), S. 333- 359. DOI: https://doi.org/10.1007/BF02438901
  • McKemmish, Sue/Upward, Franklyn H./Reed, Barbara: Records Continuum Model, in: Encyclopedia of library and information sciences, Third Edition, New York 2009, S. 4447-4459. DOI: 10.1081/E-ELIS4- 120043719. 
  • Teixeira e Silva, Julianne/Alves dos Santos, Jonathan: Arquivística brasileira e o modelo australiano do Records Continuum, in: Pesquisa Brasileira em Ciência da Informação e Biblioteconomia 14 (2/2019), S. 142-148.
  • Upward, Frank/McKemmish, Sue: Teaching recordkeeping and archiving continuum style, in: Archival Science 6 (2006), S. 219-230. DOI: DOI 10.1007/s10502-006-9030-6