
Wider das Vergessen - Berichte von KZ- und Ghetto-Überlebenden
70 Jahre nach Dachau: Die Erinnerung weitertragen!
(Bertold Brecht)
Leid, Hass, Zerstörung und Tod: Die Nationalsozialisten haben tiefe Wunden geschlagen - in die Lebensgeschichte von Millionen Familien und in unsere gesamte Gesellschaft. Und auch 70 Jahre danach darf das Erinnern nicht aufhören. Weshalb nicht, erklären vier junge Journalisten, die gemeinsam mit dem Maximilian-Kolbe-Werk die KZ-Gedenkstätten Auschwitz und Dachau besucht haben.
Marian Majerowicz ist stolz, ein Jude zu sein - und er ist stolz, den nationalsozialistischen Terror überlebt zu haben. Sein Blick ist klar und aufmerksam, seine Körperhaltung strahlt Disziplin und Ruhe aus. Doch während seiner Erzählung offenbaren sich immer wieder kleine Risse in seiner beherrschten Haltung, kurze Momente, in denen seine Verwundbarkeit und seine Emotionen durchdringen.
Als er zum Beispiel seine bereits verstorbene Frau erwähnt, bekommt seine Stimme einen weicheren Klang. Er hat sie sehr geliebt. Doch über sein Schicksal hat er nur wenig mit ihr geredet. Auch seine Tochter kennt nicht alle Details. Er wollte seine Familie nie damit belasten, wusste nicht, wie viel er ihr und sich selbst zumuten konnte. Denn die Erinnerung schmerzt - auch heute noch:
Marian Majerowicz wird 1926 geboren. 1942 kommen er und seine Familie in das Ghetto Zawiercie. Nach dessen Auflösung werden sie getrennt. Seine Eltern und seine beiden Brüder werden nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Er selbst muss in Zawierice bleiben und Zwangsarbeit leisten.
Drei Monate später wird auch er nach Auschwitz gebracht. Als er auf seinen Vater trifft, erkennt er ihn fast nicht wieder. Seine Mutter und sein dreijähriger Bruder sind zu diesem Zeitpunkt schon tot, umgebracht. Marian Majerowicz erinnert sich noch an vieles im Lager - an den Hunger, die Erniedrigungen und an die täglichen Selektionen:
Auch sein Vater wird vergast - am 21. Januar 1944:
Marian Majerowicz kommt in ein Nebenlager und muss in einem Kohlebergwerk schwer arbeiten. Ein ganzes Jahr lang. Dann wird er wieder nach Auschwitz und auf den Todesmarsch geschickt. Nur wenige überleben. Er ist einer davon. Der Tag seiner Befreiung ist der 09. Mai 1945. Er kämpft sich ins Leben zurück, holt sein Abitur nach und schlägt eine Militärlaufbahn ein. Von seiner Familie sind nur er und sein älterer Bruder übrig geblieben:
Zdzisława Włodarczyk wird als Kind, nachdem der Warschauer Aufstand 1944 ausgebrochen war, mit einem der ersten Transporte nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ihr Vater, ein Postbeamter, war im polnischen Widerstand aktiv. Die Familie wird im Konzentrationslager voneinander getrennt. Zdzisława Włodarczyk und ihr Bruder bleiben in der Kinderbaracke, ihr Vater stirbt später im KZ Flossenbürg, die Mutter kommt ins KZ Ravensbrück und überlebt.
Zdzisława Włodarczyk ist es wichtig, ihre Geschichte an die jüngeren Generationen weiterzugeben. Deswegen engagiert sie sich seit Ende der 1980er Jahre als Zeitzeugin für das Maximilian-Kolbe-Werk.
Jacek Zieliniewicz hat einen starken Antrieb, seine Geschichte zu erzählen. Er macht es nicht gerne, es fällt ihm schwer, aber er fühlt sich dazu verpflichtet.
In einer Audio-Montage zeichnen wir die Stationen seines Lebens nach - von der Deportation bis zur Befreiung. 20 qualvolle Monate in Auschwitz und Dautmergen, 20 Monate geprägt von Gewalt, Hunger und den menschenunwürdigsten Bedingungen.
Als der Krieg ausbricht, ist Jacek Zieliniewicz 13 Jahre alt. Als er aufhört, 19 Jahre. Mit seinen Eltern wird er zuerst nach Konskie in das Generalgouvernement umgesiedelt. Mit 17 Jahren beginnt sein Leidensweg als politischer Häftling:
Ein Jahr muss Jacek Zieliniewicz im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ausharren. Anschließend wird er ins KZ Dautmergen bei Rottweil gebracht - einem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof.
Etwa 2.000 von 6.000 Häftlingen sind in Dautmergen umgekommen. Die Übriggebliebenen werden am 18. April 1945 in Gruppen auf die Todesmärsche getrieben. Jacek Zieliniewicz überlebt auch das und wird am 23. April durch französische Truppen befreit. Der 19-Jährige kehrt nach Polen zurück, studiert Lebensmitteltechnologie und wird Ingenieur.
50 Jahre lang spricht Jacek Zieliniewicz kein einziges Wort Deutsch. Heute ist er regelmäßig in Deutschland unterwegs - ohne Angst und ohne Hass:
"Zusammen in die Zukunft gehen": Leon Weintraub über Trauer und Versöhnung
Enttäuschung - das ist eines der ersten Gefühle von Leon Weintraub, als er 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird. Denn ihm wurde gesagt, dass sie mit den Viehwaggons zur Arbeit fahren. Doch der 17-Jährige merkt schnell, dass das Lager kein Ort zum Leben, sondern zum Sterben ist.
Sofort nach der Ankunft erfolgt an der Todesrampe die Selektion. Leon Weintraub wird von seiner Mutter und seiner Tante getrennt, die direkt in die Gaskammer geschickt werden. Er selbst bleibt etwa sechs Wochen in Auschwitz-Birkenau. Dann gelingt ihm die Flucht. Eher per Zufall mischt er sich unter eine Gruppe Männer, die das Lager wegen eines Arbeitseinsatzes verlassen. Viele Jahre später erfährt er, dass sein Block nur wenige Tage danach in der Gaskammer getötet wurde.
Schicksale hautnah: Geben wir den NS-Opfern eine Stimme!
Es sind Erinnerungen, die ihr ganzes Leben prägen: Am 10. Januar 1943 wird Vera Weberová neun Jahre alt, acht Tage später wird sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert. Sie und ihre Mutter bleiben dort - bis Mai 1945. Ihr Vater, ihr Bruder Jiri und ihre Großmutter hingegen werden weiter nach Auschwitz transportiert, keiner von ihnen überlebt. Für Vera Weberová ein schmerzlicher Verlust, der bis heute tief in ihrem Inneren verankert ist.
Nach dem Krieg kehrt Vera Weberová in ihre tschechische Heimatstadt zurück. Von den ursprünglich etwa 50 Kindern ist nur sie übrig geblieben. Das jüdische Leben ist fast vollständig ausgelöscht. Sie geht zur Schule, studiert und wird Diplom-Krankenschwester. Ihre Vergangenheit lässt sie nicht los. Sie will helfen und pflegt viele KZ-Überlebende.
Außerdem erzählt sie als Zeitzeugin immer wieder von ihrer Kindheit in Theresienstadt - vor allem vor Schulklassen:
Erinnern und Versöhnen: Michaela Vidláková über ihr Engagement als Zeitzeugin
Michaela Vidláková ist eines der wenigen Theresienstädter Kinder, die den Holocaust überlebt haben. Im Dezember 1942 kommt sie als Sechsjährige gemeinsam mit ihren Eltern in das sogenannte tschechische Sammel- und Durchgangslager. Nur durch Glück und Zufall wird die Familie weder getrennt noch in ein Vernichtungslager weiter deportiert. Aber auch in Theresienstadt lernt das jüdische Mädchen schnell Hunger, Krankheit und Tod kennen.
Seit ihrer Pensionierung engagiert sich Michaela Vidláková als Zeitzeugin beim Maximilian-Kolbe-Werk und spricht regelmäßig vor Schulklassen in Tschechien und Deutschland über ihre Erlebnisse und Erfahrungen.
Verlorene Kindheit: Zwei Schicksale, zwei Seiten des Nationalsozialismus
Für die Polin Alodia Witaszek hört die Kindheit mit gerade einmal fünf Jahren schlagartig auf. Ihr Vater wird als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten hingerichtet, ihre Mutter verhaftet.
Sie selbst kommt in das Jugendverwahrlager Litzmannstadt - einem Konzentrationslager für Kinder während der deutschen Besetzung Polens:
Ihre leibliche Mutter überlebt die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück und fängt an, ihre Tochter zu suchen. Mit Erfolg. Am 07. November 1947 kehrt Alodia Witaszek nach Polen zurück. Den Kontakt zu ihren deutschen Eltern hält sie aber immer aufrecht:
Auch Julijana Zarchi hat ein bewegendes Schicksal. Ihr Vater ist litauischer Jude und wird ermordet, ihre Mutter ist Deutsche. Mit drei Jahren kommt sie ins Ghetto von Kaunas, wird aber gerettet:
Sie und ihre Mutter werden versteckt und überleben. Doch ihr Leidensweg hört noch lange nicht auf. Nach der Befreiung Litauens werden beide, weil sie als Deutsche gelten, vom Stalin-Regime nach Tadschikistan zur Zwangsarbeit deportiert:
Erst nach 17 Jahren kann Julijana Zarchi wieder nach Litauen zurückkehren. Mit dem Begriff "Heimat" hat sie auch heute noch so ihre Schwierigkeiten:
"Fragt uns, wir sind die letzten...": Im Gespräch mit Henriette Kretz
1939 müssen Henriette Kretz und ihre jüdische Familie aus Polen fliehen. Doch 1941 holt der Krieg sie auch in der Ukraine ein und sie kommen in ein Ghetto. Immer wieder müssen sie sich verstecken, sind den unterschiedlichsten Gefahren ausgesetzt. Henriettes Eltern werden vor ihren Augen erschossen, sie selbst findet in einem Kloster Unterschlupf und überlebt die Schrecken des NS-Regimes.
Heute geht Henriette Kretz als Zeitzeugin in Schulklassen und steht den jungen Leuten Rede und Antwort. Und auch uns erzählt sie offen und bewegend von ihrem Leben.
Ghetto, Deportation, Flucht: Die Geschichte von Ruta Wermuth-Burak
Ruta Wermuth-Burak ist eine lebensfrohe, ältere Dame, die viel Sinn für Humor hat und deren Augen vor Freude funkeln, wenn die Zuhörer ihre Pointen mit Beifall belohnen. Doch leider lassen ihre Erzählungen nur wenig Spielraum für gute Pointen.
Ruta Wermuth-Burak ist in Kolomea geboren, das heute zur Ukraine gehört, damals aber noch zum Osten Polens. Ihre Kindheit war unbeschwert, doch viel zu kurz. Als Ruta 13 Jahre alt ist, beginnt die Verfolgung der Juden:
Das Leben wird von Tag zu Tag grauenvoller:
Im September 1942 wird Ruta mit ihren Eltern zum Bahnhof getrieben. Dort wartet schon der Todeszug nach Belzec in ein Vernichtungslager auf sie. Doch auf der Fahrt gelingt es einigen Juden, die morsche Waggonwand des Zuges aufzubrechen, und Ruta kann fliehen. Sie schlägt sich durch, gibt sich als polnische Zwangsarbeiterin aus, arbeitet unter anderem als Dienstmädchen für eine deutsche Familie und überlebt. Nach dem Kriegsende kehrt sie mit ihrem Freund nach Polen zurück. Sie heiraten und bekommen zwei Töchter.
Ihr Vater ist auf der Flucht erschossen worden, ihre Mutter und ihr Bruder Pawel wurden ebenfalls ermordet. Nur was aus ihrem Bruder Salek geworden ist, weiß Ruta Wermuth-Burak lange Zeit nicht. Sie gibt die Suche und die Hoffnung jedoch nicht auf. Am 20. Juni 1994 klingelt das Telefon und sie hört nach 53 Jahren wieder die Stimme ihres Bruders. Zwei Jahre bleiben den Geschwistern (und davon eigentlich auch nur drei Monate), bevor Salek stirbt.
Das KZ Osaritschi wurde von der deutschen Wehrmacht für etwa 50.000 arbeitsunfähige Zivilisten errichtet und umfasste drei improvisierte Einzellager. Es bestand zwar nur eine Woche lang (vom 12. bis 19. März 1944), doch bereits in dieser kurzen Zeit starben mindestens 9.000 Menschen. Vor allem an Hunger, Kälte und Krankheiten.
Lidia Rakutava überlebt. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester:
Über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen, insbesondere den Holocaust, sind in etlichen wissenschaftlichen Untersuchungen schon viele Zahlen und Fakten zusammengetragen worden. Sie lassen uns erschauern, bleiben aber letztendlich trotzdem abstrakt. Eindrücklicher und konkreter wird es, wenn Zeitzeugen von damals berichten.
Deswegen widmen wir diese Seite den Überlebenden. Denn die Erinnerung an die systematische Vernichtung der Juden aus ganz Europa und den Massenmord an Sinti und Roma, Kriegsgefangenen, politischen Häftlingen sowie Homosexuellen muss weitergehen, um auch in Zukunft Antisemitismus und Rassismus vorzubeugen.














