Lörrach. Die Israelitische Kultusgemeinde Lörrach hat am Sonntag das 30-jährige Jubiläum ihrer Wiedergründung gefeiert. Die badische Landesbischöfin Prof. Dr. Heike Springhart und der Erzbischof der Erzdiözese Freiburg, Stephan Burger, haben in einem gemeinsamen Grußwort auf den Willen unverbrüchlicher Treue zum Judentum hingewiesen.
"Jüdisches Leben tilgen? Nicht mit uns!“
17.11.2025 |
Gemeinsames Grußwort von Landesbischöfin Springhart und Erzbischof Burger beim 30-jährigen Jubiläum der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach
Sie seien gekommen, um „Ihnen als Evangelische Landeskirche und Erzdiözese unsere unverbrüchliche Treue zuzusprechen: Wer Sie angreift, weil Sie Jüdinnen und Juden sind, greift uns als Christinnen und Christen genauso an“, heißt es in dem gemeinsamen Grußwort.
Gemeinsame Feier von Chanukka und Advent
Dank der inneren Nähe zwischen Judentum und Christentum sei es möglich gewesen, dass nach der Schoah „eine neue Zeit angebrochen“ sei. „Noch nie war der Kontakt zwischen den beiden großen christlichen Kirchen und der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden so eng“, heißt es in dem Grußwort, „noch nie zuvor gab es auch auf lokaler Ebene einen so tiefen religiösen Austausch“. Am 20. Dezember feiere man zum zweiten Mal zusammen Chanukka¹ und Advent, ohne dabei die eigene Religion aufzugeben oder zu mischen.
Burger und Springhart erinnerten an die Zeit der Nazi-Herrschaft. Während der Novemberpogrome 1938 wurde auch die Synagoge in Lörrach schwer zerstört und im Jahr 1939 ganz abgerissen. Bis 1940 waren etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung emigriert. Von den verbliebenen jüdischen Familien wurden am 22. Oktober des Jahres 50 Personen nach Gurs² deportiert. Ihr weiteres Schicksal ist nicht genau bekannt. Überlebt haben nur sehr wenige, nur drei Lörracher kehrten in ihre Heimat zurück.
"Haben wir wirklich nichts gelernt?"
Diese scheinbar ferne Vergangenheit habe in den vergangenen Monaten zu großen Sorgen und Ängsten in der jüdischen Bevölkerung Lörrachs, Badens, ja in ganz Deutschland und weltweit geführt – insbesondere seit den brutalen Angriffen der terroristischen Hamas auf Israel und den folgenden Gaza-Krieg und zusätzlich durch einen gestiegenen Antisemitismus aus allen gesellschaftlichen Bereichen und Milieus, führten Bischöfin und Erzbischof aus.
„Wenn beim Nachdenken über den Holocaust und alle deutschen Verbrechen während der NS-Zeit schon großes Unverständnis herrscht, um wie viel größer ist mein Unverständnis angesichts der Aktualisierung des antisemitischen Furors, des Hasses gegenüber Juden, so dass die Frage in mir aufkeimt, ob der Prediger Kohelet nicht doch recht hat und es nichts Neues unter der Sonne gibt, damit aber auch kein Ende von Hass und Vorurteilen? Haben wir wirklich nichts gelernt?“, fragte Erzbischof Burger.
Landesbischöfin Springhart griff diese Frage auf: „Es ist aus meiner Sicht ein so wichtiges Zeichen, dass wir heute hier zusammenkommen, und in die Welt hinausschreien, dass es den Nationalsozialisten eben nicht gelungen ist, alles jüdische Leben in Deutschland und Europa von dieser Erde zu tilgen und dass es, dafür stehen wir als Evangelische Landeskirche in Baden und Erzdiözese Freiburg ein, auch künftig nicht gelingen wird, nicht mit uns!“
Hintergrund
- Nach dem Dreißigjährigen Krieg ließen sich in Lörrach die ersten jüdischen Familien nieder, der erste Beleg stammt aus dem Jahr 1660.
- Die erste Synagoge wurde 1807/08 in der Teichgasse erbaut, mit Mikwe³ im Untergeschoss.
- In der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten zerstört. Die Tora-Rolle wurde gerettet. Das zerstörte Gotteshaus wurde 1939 abgerissen.
- Nach der Deportation der Lörracher Jüdinnen und Juden 1940 gab es mehr als 50 Jahre lang keine jüdische Gemeinde mehr in Lörrach.
- Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kam es zu einer Zuwanderung von Jüdinnen und Juden, vor allem aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.
- 1995 wurde die jüdische Gemeinde im Dreiländermuseum wiedergegründet.
- Am 9. November 2008 wurde die neu gebaute Synagoge eröffnet.
Anmerkungen:
¹ Chanukka: Ein acht Tage dauerndes Fest zum Gedenken an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. bzw. 3597 nach jüdischer Zeitrechnung.
² Gurs: Internierungslager in Südwest-Frankreich. Fast die gesamte jüdisch-deutsche Bevölkerung aus Baden, der bayerischen Pfalz und der Saarpfalz wurde dorthin deportiert.
³ Mikwe: Tauchbad zur Erlangung ritueller Reinheit.
(asc)


