»Vielleicht 'ne App...?«
14.12.2021 |
Überlegungen zur Kommunikation in den neuen Räumen
von Martin Wichmann
Kurzfassung: Nein, wir brauchen keine App, denn wir haben SESAM als vielseitiges Tool für die digitale Kommunikation in den zukünftigen Kirchengemeinden. Die Gründe lassen sich nicht in einem Satz zusammenfassen. Lesen Sie selbst:
Wie kann die Kommunikation in den neuen Kirchengemeinden gelingen?
Die Vordenker der neuen pastoralen Räume suchen nach digitalen Lösungen. Für die Kommunikation in den Gemeinden, zu den Gläubigen, mit den Ehrenamtlichen - für die Zeit nach 2026. Wie kann man in einer "Kirchengemeinde Neu" alle Interessierten gut mit Informationen versorgen und zugleich die Kommunikation in den bisherigen Gemeinden und Seelsorgeeinheiten aufrecht erhalten?
Manche fragen nach: Hat die Erzdiözese dazu schon Überlegungen? Wie wäre es mit einer App? In einer anderen Diözese nutze man diese oder jene App, heißt es dann. Oder: Man kenne da einen Entwickler in der Nähe, mit dem man bereits vorgedacht hat...
Solche und ähnliche Anfragen sind ein gutes Zeichen, denn es zeigt, dass die Verantwortlichen sich auf die zukünftig veränderte Situation einstellen. Und ja: ohne digitale Lösungen wird es nicht gehen. Aber eine App braucht es dazu nicht. Die Gründe will ich hier erläutern.
Die "kleine Herde" oder die "ganze Welt"?
(1) Aus Sicht des Anbieters ist eine App erfolgreich, wenn sie weite Verbreitung findet. Wer also eine App für seine kirchliche Region anbietet, müsste erreichen, dass sie breit genutzt wird. Das ist nicht selbstverständlich, denn es müssten viele diese App auf ihrem Smartphone installieren.
(2) Aus Nutzersicht ist eine App auf dem eigenen Smartphone sinnvoll, wenn man sie häufig oder mindestens regelmäßig nutzt. Wer nur sehr gelegentlich am kirchlichen Leben teilnimmt, wird den ohnehin meist knappen Speicherplatz für anderes nutzen wollen.
Die Folge von (2) ist, dass (1) nur schwerlich gelingen wird. Nur der engere Kreis der Engagierten wird sich eine regionale Kirchen-App (zusätzlich zu all den anderen Apps) installieren. Man hat eh schon zu viele Apps - und mit der örtlichen Kirchengemeinde ja dann doch nicht soo viel zu tun...
Soziologisch gesprochen, schafft eine solche Kirchengemeinde-App "Exklusion durch Inklusion". Alle Informationen und Kommunikationswege sind zwar im Prinzip öffentlich zugänglich, aber eben nur für diejenigen, die die App auch installieren. Alle anderen finden diese Informationen nicht, auch nicht durch googeln.
Doppelnutzen statt Mehrfachpflege
Der Königsweg bleibt daher das gute, alte Internet. Alle nicht ausdrücklich vertraulichen, internen Infos (und welche Informationen sind das schon?), also alles, was die Öffentlichkeit wissen kann und darf, sollte im Netz stehen: Gut formuliert, thematisch und regional strukturiert - und natürlich immer aktuell!
Mit dem bistumseigenen CMS "SESAM" geht das ohne "doppelte Pflege" der Inhalte. Denn auch eine App muss fortlaufend mit neuen Inhalten befüllt und aktuell gehalten werden, sonst ist sie wertlos.
Das gilt natürlich auch für Webseiten, die man aber - anders als die App - gewissermaßen "doppelt nutzen" kann: als normale Webseite, aber auch als zielgruppengerichtete Unterseite für bestimmte Adressaten. Die "responsiven" Seiten von SESAM lassen sich auf jedem Smartphone anzeigen, ganz wie eine App - im ohnehin installierten Browser. (Es braucht also auch keine SESAM-App...)
»Ja, aber.... wenn die Infos unsere Leute direkt erreichen soll!?«
Stimmt. Manchmal möchte man nur einen bestimmten Kreis, eine klar definierte Zielgruppe erreichen, z.B. die Eltern des Kindergartens, die Firmanden, den Kirchenchor....
Auch das geht mit den SESAM-Webseiten:
- Man kann z.B. "versteckte" Seiten anlegen (für Webmaster: die "gelben" Seiten), mit einem "virtuellen Link", der allen gewünschten Adressaten den Sofort-Zugriff erlaubt. Dieser Link lässt sich auf Infoflyer drucken, per Mail versenden, auf den Homescreen des Smartphones pinnen, am Telefon diktieren, auswendig lernen oder als Lesezeichen im Browser merken. Diesen Text finden Sie übrigens direkt unter ebfr.de/ohneapp.
- Es lassen sich individuell passwortgeschützte Seiten für beliebig viele Personen erstellen (für Webmaster: Benutzer/in im Frontend), die für Webseitenbesucher ohne Passwort nicht zu finden sind,
- oder gleich persönliche Backend-Zugänge vergeben, um zum Beispiel die interne Terminplanung einzusehen, mit der man mehr Termine anzeigen kann als auf einer thematischen Website.
- Und für regelmäßige Push-Nachrichten ohne Eigeninitiative der Adressaten können sich Interessierte zu einem Newsletter anmelden.
Für wirklich persönliche und vertrauliche Informationen sollte man jedoch E-Mail nutzen oder sichere Messengerdienste wie z. B. threema.
»Ja, aber... andere Bistümer oder Gruppen nutzen doch auch eine App!«
Das stimmt. Andere Bistümer und Gruppen haben aber auch kein CMS wie SESAM als organisationsweites Netzwerk. 😉
Alle SESAM-Mandanten liegen in einer gemeinsamen Datenbank und können sich daher untereinander vernetzen (für Webmaster: das SESAM-Netzwerk). Termine und Nachrichten lassen sich relativ leicht von einem zum anderen Mandanten schieben, sodass auch hier die Mehrfachpflege entfällt. (Nebenbei: Es gibt eine bundesweite App, die man über SESAM sehr komfortabel mit eigenen Terminen füttern kann.)
Meines Wissens verfügt kein zweites Bistum im deutschsprachigen Raum über ein "mandantenbasiertes", also regional und thematisch vollständig individualisierbares CMS, das auf einer zentral entwickelten Plattform liegt. Die Erzdiözese Freiburg macht das schon seit 2007. Das zahlt sich - angesichts der bevorstehenden Kirchenentwicklung - jetzt aus: netzwerkartiges Zusammenarbeiten rechtlich selbstständiger Träger und thematisch ausdifferenzierter Akteure gehört in SESAM quasi zu den "Bordmitteln": kein Abtippen, kein Kopieren, keine Schnittstellen.
Noch ein Wort zur Technik
A propos Schnittstellen: Sie sind - entgegen manch landläufiger Ansichten - keine einfache Lösung, um verschiedene Programme zu koppeln. Schnittstellenmanagement ist komplex, aufwändig zu pflegen und im Ergebnis auch teuer. Eine "Schnittstelle" programmieren zu lassen, zwischen der Webseite und anderen Systemen, z.B. einer App, ist insofern immer nur die zweitbeste Lösung. Nicht nur die App, auch die Schnittstelle müsste dann technisch ständig aktuell gehalten werden.
Natürlich, auch Webseiten müssen technisch immer wieder auf neue Versionen der unterschiedlichen Browser angepasst und "abwärtskompatibel" gehalten werden. Bei Apps ist dieser Aufwand allerdings ungleich größer, schon allein, weil manche Hersteller die jeweils aktuellen Versionen für die eigenen Geräte modifizieren. Android 11 ist eben nicht gleich Android 11, man muss bei jedem Betriebssystem-Update für jede namhafte Gerätemarke prüfen, ob noch alle Features der eigenen App wie gewünscht funktionieren. Und falls es eine Schnittstelle gibt, müsste diese mit angepasst werden...
Die vielfältige Kirche vor Ort braucht eine große Lösung mit vielen Varianten
Wenn es nur darum ginge, in einer allgemein zugänglichen App eine Gruppe zu bilden, ist eine App - sieht man mal von den datenschutzrechtlichen Bedenken bei den meisten Apps ab - eine gute Lösung: für den Freundeskreis, den Tanzkurs, den eigenen Verein.
Für große Kirchengemeinden in einem sehr großen Bistum braucht es jedoch mehr: eine skalierbare Lösung mit vielfältigen Darstellungsvarianten und differenzierten Vernetzungsmöglichkeiten, für mehrfache Zugehörigkeiten und Überlappungen zu ganz unterschiedlichen Gruppen und Themen. Das alles muss nicht nur technisch am Laufen gehalten werden.
Es will vor allem auch von den Verantwortlichen vor Ort inhaltlich gut strukturiert und gepflegt sein. Mit SESAM ist das schon heute möglich. Weshalb sollte man den Gemeinden doppelten Pflegeaufwand zumuten, wenn es ein vernetztes CMS schon gibt, das von überall her mit Inhalten befüllt werden kann? Von den eigenen Leuten, von Webredakteuren anderer Einrichtungen im Bistum oder der Region, auf eigenen oder fremden Rechnern, im Büro oder zuhause? Und dessen Inhalte jeder Mensch frei zugänglich im Netz finden kann, auf dem Desktop oder dem Smartphone - ohne über die Installation einer App auch nur nachdenken zu müssen?