von Martin Wichmann
"Dafür haben wir keine Zeit!" lautet die häufigste Begründung, wenn in Pfarrgemeinden oder kirchlichen Einrichtungen nach der Nutzung von Online-Medien für die eigene Öffentlichkeitsarbeit gefragt wird. Meist wird ein "Leider" hinterhergeschoben. Die alltäglichen Aufgaben sind auch so schon kaum zu schaffen, das Stundenbudget der Mitarbeiter ohnehin zu knapp bemessen. Und jetzt auch noch Webseiten pflegen oder in social media einsteigen?
Auf den ersten Blick stimmt der Einwand sogar: wenn die Online-Aktivitäten obendrauf gepackt werden, zusätzlich zu den bisherigen gedruckten Pfarrbriefen, Flyern, Aushängen, Pressenotizen, Protokollen, Rundschreiben und Rundmails, dann fehlt am Ende die Zeit. Doch braucht man wegen Webaktivitäten wirklich mehr Arbeitsstunden oder gar dafür freigestellte Mitarbeiter?
Es ist ja nicht so, dass das Web der letzte Kommunikationskanal sein muss, den man erst dann bedient, wenn schon alles andere erledigt ist. Keine Zeit fürs Web? Höchste Zeit, die eigenen Prioritäten zu überdenken!
Anders statt immer mehr
Wer die Prioritäten konsequent umdreht, spart im Ergebnis sogar Zeit. »Web first« lautet das Zauberwort, mit dem man mehr Reichweite bei weniger Aufwand erzielt. Einziges Hindernis: man muss seine Gewohnheiten umstellen. Statt - zum Beispiel - Beschlüsse und Entscheidungen (des Seelsorgeteams, des Pfarrgemeinderates, der Gruppen und Kreise) erst
- zu protokollieren und die Protokolle
- zu verschicken, die wichtigen Ergebnisse daraus
- für den Pfarrbrief zu sammeln und/ oder
- als Flyer aufzubereiten, diese
- schließlich zu drucken,
- in alle Gebäude zu verteilen und dort
- auszulegen oder auszuhängen, um danach
- Protokolle, Flyer und Pfarrbrief als pdf auf die Webseite hochzuladen...
... könnte man die Neuigkeiten auch gleich (und sofort) online stellen: direkt auf der eigenen Website oder auf einem social-media-Kanal bekanntgeben.

Ja, der häufigste Einwand, der jetzt kommt, ist bekannt: Was ist mit den älteren Menschen, die kein Internet haben oder es nicht nutzen... Aber stimmt dieser Einwand überhaupt? Auch 70-jährige surfen heute selbstverständlich im Netz. Nicht alle, gewiss, aber immer mehr und immer selbstverständlicher. Und, wie gesagt, es spricht nichts gegen Drucksachen und weitere Informationskanäle. Die entscheidende Frage lautet jedoch: was kommt zuerst? Dieser Frage muss man sich stellen, denn die verfügbare Zeit ist tatsächlich begrenzt.
Aktuell vor regelmäßig
Der allseits beliebte Pfarrbrief hat zum Beispiel das Problem, dass man die aktuelle Ausgabe erstmal abholen muss (in der Kirche, im Gemeindezentrum, im Sekretariat...) und im entscheidenden Moment auch parat haben. Ob die Informationen dann noch aktuell und richtig sind?
Auf keinem anderen Weg ist es leichter, Nachrichten aktuell und allgemein verfügbar zu halten als im Web. Dafür braucht man nicht mehr Zeit, sondern die richtigen Prioritäten und eine positive Einstellung zur Kommunikation auch außerhalb des inner circle: öffentlich zu kommunizieren ist keine Nebensache, sondern Kerngeschäft (Mk 4,21). Daran müssen sich viele beteiligen, das kann man nur sehr begrenzt an "Zuständige" delegieren.
Bis sich alle umgewöhnt haben, braucht es natürlich etwas Geduld. Und den Mut zur selbstkritischen Frage, auf welchen Wegen man auf mittlere Frist gesehen wohl die meisten Menschen erreichen wird.




