FAMILISMUS

bezeichnet die Bewertung von Familie als „normaler“ Organisation von Nahbeziehungen. Damit verbunden sind Normalitätsvorstellungen von Familie als heterosexueller und „harmonischer“ Kleinfamilie (Vater, Mutter, leibliche Kinder), die bestimmte festgelegte Rollen, z.B. Stereotype Geschlechterrollen, für ihre Mitglieder vorsieht. Eineltern-, Patchwork-, Pflege- oder Regenbogenfamilien und andere nicht der Norm entsprechende Familienformen werden als Sonderform verstanden (Othering) und nicht selbstverständlich mitgedacht. In einer familistischen Gesellschaft – dazu gehört auch die Bundesrepublik Deutschland – werden Familien, insbesondere die, die Normalitätsvorstellungen erfüllen, auf institutioneller wie kultureller Ebene privilegiert (etwa durch das Ehegattensplitting im Steuerrecht). Familien mit vielen Kindern, Familien, in denen Menschen von Rassismus betroffen sind oder Personen eine Behinderung haben, können von intersektionaler Diskriminierung betroffen sein (Intersektionalität).
Andere soziale (Nah)beziehungen, wie Freund*innenschaften oder Wohngemeinschaften werden strukturell diskriminiert.
 
Familismus äußert sich innerhalb von Kirche:
-      „Ehe und Familie sind die Keimzellen einer Gesellschaft“ schreibt die Deutsche Bischofskonferenz und beschreibt die dauerhafte Partnerschaft in der Ehe von Mann und Frau und ihren leiblichen Nachkommen somit als Norm, andere Formen des Zusammenlebens wie etwa Regebenbogenfamilien oder Einelternfamilien werden dadurch abgewertet.  (Ehe und Familie: Deutsche Bischofskonferenz (dbk.de))
-      Ehenichtigkeitsgründe, die dazu führen, dass die katholische Ehe ungültig ist, sind  beispielsweise, wenn eine Person von vorneherein keine Kinder haben möchte oder nicht fähig zum „Beischlaf in naturgemäßer Form“ ist Voraussetzungen für eine Ehenichtigkeit | Bistum Passau (bistum-passau.de)
-      In kirchlichen Kontexten wird beispielsweise bei der Erstkommunion selbstverständlich davon ausgegangen, dass ein Kind Vater und Mutter hat, was sich bei Anrede in Elternbriefen, Einverständniserklärung (Unterschrift der Eltern) usw. widerspiegelt. Einelternfamilien werden dadurch nicht als vollständige Familien mitgedacht.
-      Kirchliche Angebote für Menschen zwischen 30 und 50 beziehen sich oftmals auf Familien und Paare, alleinstehende Menschen sind selten im Blick oder es wird angenommen, dass sie in ihrer Lebensform per se unglücklich sein müssten.