Ignaz Heinrich von Wessenberg

 

 

Geboren am 4. November 1774  in Dresden
Gestorben am 6. August 1860 in Konstanz


Voller Name: Ignaz Heinrich Karl Joseph Thaddäus Fidel Dismas Freiherr von Wessenberg-Ampringen
Priesterweihe im September 1812 in Fulda
Ernennung zum Generalvikar des Bistums Konstanz im März 1802
Dienstantritt am 20. April 1802
Wahl zum Kapitelsvikar und Bistumsverweser am 19. Februar 1817
Erklärung der Nichtigkeit der Wahl durch Papst Pius VII. am 15. März 1817


Wessenberg ist eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in den ersten Jahrzehnten des Bestehens der Erzdiözese Freiburg. Dabei hatte er in dem am 21. Oktober 1827 endgültig errichteten Erzbistum keinerlei offizielle Funktion, sondern lebte als vorzeitig zum Ruhestand gezwungener Privatmann in Konstanz. In den gut 25 Jahren seiner aktiven Tätigkeit freilich hatte er deutliche Akzente gesetzt, die lange nachwirkten – teilweise bis heute.
 
Wessenberg war, vereinfacht ausgedrückt, ein fortschrittlicher, aufgeklärter und liberaler Kirchenmann und hat Manches vorweggenommen, was erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil richtig umsetzbar war. Trotz erheblicher Anfangsschwierigkeiten – mit seinen Verordnungen zur Abschaffung all dessen, was er selbst am religiösen Brauchtum für überflüssig oder abergläubisch hielt, stieß er anfangs viele vor den Kopf –, hatte er bald großen Rückhalt im Klerus gewonnen. Manche Erscheinung in der Freiburger Bistumsgeschichte wirkt daher wie eine nahtlose Fortsetzung der Konstanzer.

Aufgewachsen ist Wessenberg in Feldkirch im Breisgau auf dem Stammsitz der Familie. Er studierte, ohne je einen höheren akademischen Grad zu erwerben, in Augsburg, Dillingen, Würzburg und Wien, wurde theologisch maßgeblich beeinflusst von Johann Michael Sailer und lernte in jener Zeit auch die fast gleichaltrigen späteren Freiburger Erzbischöfe Ignaz Demeter und Hermann von Vicari kennen. In Würzburg kam er in Kontakt mit Carl Theodor von Dalberg, der ihn bald nach seinem Amtsantritt als (letzter) Konstanzer Fürstbischof zum Generalvikar ernannte.

Diese schwierige Aufgabe – Staat und Gesellschaft befanden sich in einem gewaltigen Umbruch – bot vielfältige Gestaltungs- und Profilierungsmöglichkeiten. Wessenberg sah sich nicht nur als Verwaltungschef, sondern entwickelte rasch eigene theologische wie kirchenpolitische Initiativen. In der Bistumsleitung war er bald geradezu omnipräsent – wozu nicht zuletzt die häufige Abwesenheit des Bischofs beitrug. So war es nur folgerichtig, dass Wessenberg nach Dalbergs Tod vom Domkapitel zum Diözesanadministrator gewählt wurde.

Wessenberg wusste, dass er mit seinem der Aufklärung verbundenen Theologieverständnis und seinem staatskirchenpolitischen Denken nicht auf der römischen Linie lag, gleichwohl traf ihn die Ungültigkeitserklärung dieser Wahl durch Papst Pius VII. schwer. Er reiste nach Rom und versuchte, in der Kurie einen Gesinnungswandel zu erwirken. Doch das Urteil über ihn stand fest, und so hatte er auch keinerlei Chancen, Bischof in einer der 1821/27 bzw. 1821/28 neu errichteten Diözesen Freiburg oder Rottenburg zu werden.

Als Privatmann hatte er nach dem Ende des Bistums Konstanz in der Amtskirche nichts mehr zu sagen, und angesichts der zunehmenden ultramontanen "Wende" hätten seine aufgeklärten Worte ohnehin kaum noch Gehör gefunden. Gleichwohl hatte er im Erzbistum Freiburg bis zuletzt einige glühende Verehrer, wie etwa das kurz nach seinem Tod vom Freiburger Domkapitular Fidel Haiz anonym veröffentlichte Buch beweist. 


Die wichtigsten theologischen Anliegen in seiner Arbeit als Generalvikar waren für Wessenberg die Verbesserung der Priesterausbildung und die Reform der Liturgie hin zu einer stärkeren Beteiligung der Gläubigen (participatio actuosa). Für die angehenden Kleriker im Meersburger Priesterseminar straffte und vertiefte er das Studium, für die ordinierten Priester schuf er vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten. Die aktive Beteiligung der Gläubigen am Gottesdienst versuchte er vor allem durch die Einführung eines Diözesangesangbuchs und durch die Vergrößerung der deutschsprachigen Anteile an der Liturgie zu fördern. Und schließlich förderte er den Ausgleich zwischen den Konfessionen und kann so als Vorkämpfer der Ökumene gesehen werden – kein Wunder, dass er ähnlich unabhängigen und weltoffenen Protestanten wie Johann Peter Hebel freundschaftlich verbunden war. 

Wessenberg war zeit seines Lebens und noch lange danach heftig umstritten. Er hatte glühende Verehrer, für die er unbedingt zu den "Lichtgestalten" der Kirche im 19. Jahrhundert gehörte, wie entschiedene Gegner, die in ihm so etwas wie den Antichrist sahen. Schon zu seinen Lebzeiten tobten heftige publizistische Kontroversen um seine Kirchenpolitik, die sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fortsetzten. Eigentlich erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird Wessenberg als Kirchenpolitiker und Theologe fast einhellig positiv bewertet, wobei die heutige Kirchengeschichtsschreibung seine Fehler und Defizite keineswegs beschönigt.

Gewissermaßen im Nebenberuf, nach seiner "Zwangspensionierung" dann in erheblich ausgeweitetem Umfang, war Wessenberg als literarischer wie theologischer Schriftsteller ungemein produktiv. Sein Œuvre umfasst über 450 Werke unterschiedlicher Gattungen, von Sinnsprüchen und Gedichten über Reisebeschreibungen, kirchengeschichtliche und kirchenpolitische Schriften bis hin zu historischen Theaterstücken und einer Romantheorie. Zu den Großen der deutschen Dichtung wird man ihn kaum rechnen dürfen, doch Manches ist auch heute noch lesenswert, wie sich anhand der 1988 unter dem Titel "So versank die alte Herrlichkeit" erschienenen kleinen Anthologie unschwer nachvollziehen lässt. Und ist nicht ein "Weisheits-Spruch" wie "Die Windeier" geradezu zeitlos?

Die Windeier

Windeier legt die Staatskunst viele jetzt;
Doch wenn sie sich Jahrzehnte d’rüber setzt,
Was frommt’s? Umsonst ist alles Brüten, ach!
Kein Lebensfunke wird in ihnen wach. 

 

Literatur (Auswahl):

  • Ignaz Heinrich von Wessenberg: So versank die alte Herrlichkeit. Reisebilder und Gedichte. Herausgegeben von Klaus Oettinger und Helmut Weidhase. Konstanz 1988 (Alemannisches Libell 4)
  • Das Leben I. H. v. Wessenberg's, ehemaligen Bisthumsverwesers in Constanz. Nach schriftlichen und mündlichen Mittheilungen. Herausgegeben von einem Freunde und Verehrer des Verstorbenen. Freiburg 1860.
  • Franz Xaver Bischof: Das Ende des Bistums Konstanz. Hochstift und Bistum Konstanz im Spannungsfeld von Säkularisation und Suppression (1802/03-1821/27) (Münchener Kirchenhistorische Studien 1). Stuttgart/Berlin/Köln 1989.
  • Bildung bei Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860) - "...wie unzählig Viele sind noch gar nicht über den dürren Buchstaben hinweggekommen!". Tagungsberichte der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg. Karl-Hein Braun (Hg.). Freiburg, 2014.
  • Karl-Heinz Braun: Hermann v. Vicari und Ignaz Heinrich v. Wessenberg. Zwei Prälaten im kirchenpolitischen Vergleich. In: FDA 107 (1987), S. 213-236.
  • Karl-Heinz Braun (Hrsg.): Kirche u. Aufklärung – Ignaz Heinrich v. Wessenberg (1774-1860) (Schriftenreihe der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg). Zürich/München 1989.
  • Karl-Heinz Braun: Heinrich Schreiber und Ignaz Heinrich von Wessenberg - Spätaufklärer. In: Achim Aurnhammer, Hans-Jochen Schiewer (Hg.): Poeten und Professoren. Eine Literaturgeschichte Freiburgs in Porträts. Freiburg, 2009. S. 169-191.
  • Karl-Heinz Braun: "Ganz diesem Beruf zu leben... mein volles Kraftmaß zu widmen...". Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860). In: Fridolin Keck (Hg.), Glauben gestalten - Glaubensgestalten. Mit Robert Zollitsch auf dem Weg. Zum 70. Geburtstag des Erzbischofs von Freiburg und Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Freiburg-Basel-Wien, 2008. S. 228-237.
  • Karl-Heinz Braun: "Die Lebensgeister der Kirche, Glaube und Liebe, bedürfen, um stets ungeschwächt und ungestört zu wirken, der beständigen Erneuerung". Zum Kirchenbild Ignaz Heinrich von Wessenbergs: Rolf Decot (Hg.), Kontinuität und Innovation um 1803. Säkularisation als Transformationsprozeß Kirche Theologie Kultur Staat (=Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte Beiheft 65). Mainz, 2005. S. 21-38.
  • Karl Hausberger: Wessenberg, Ignaz Heinrich Freiherr von. In: Manfred Heim (Hg.): Theologen, Ketzer, Heilige. Kleines Personenlexikon zur Kirchengeschichte. C. H. Beck, München, 2001. S. 398-399.
  • Karl-Heinz Braun: Wessenberg, Ignaz Heinrich von (1774-1860). In: Erwin Gatz (Hg.): Die Bischöfe der deutschsprachigen Länder 1785/1803 bis 1945. Duncker & Humbolt, Berlin, 1983. S. 808-812.
  • Karl Foldenauer: Johann Peter Hebel und Ignaz Heinrich Freiherr v. Wessenberg als Freunde. In: Badische Heimat 72 (1992), S. 565-576.
  • Conrad Gröber: Heinrich Ignaz Freiherr v. Wessenberg. In: Freiburger Diözesan-Archiv (FDA) 55 (1927), S. 362-509; FDA 56 (1928), S. 294-435.
  • Erwin Keller: Die Konstanzer Liturgiereform unter Ignaz Heinrich v. Wessenberg. In: FDA 85 (1965), S. 5-526.
  • Erwin Keller: Das Priesterseminar Meersburg zur Zeit Wessenbergs (1801-1827). In: FDA 97 (1977), S. 108-207; FDA 98 (1978), S. 353-447.
  • Karl Kühner: Ignatz Heinrich v. Wessenberg und seine Zeitgenossen, Lichtgestalten aus dem Katholizismus des 19. Jahrhdts. Heidelberg 1897.
  • Klaus Öttinger: Freiherr Ignaz von Wessenberg. Zu seiner Geltungsgeschichte in der kirchlichen Öffentlichkeit. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung, 128 (2010), S. 119–137.
  • Adolf Rösch: Das religiöse Leben in Hohenzollern unter dem Einfluß des Wessenbergianismus 1800-1850. Ein Beitrag zur Geschichte der religiösen Aufklärung in Süddeutschland (Vereinsgaben der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im Katholischen Deutschland, 1908, 2). Köln 1908.
  • Christoph Schmider: „Beförderungsmittel religiöser Gefühle und sittlicher Gesinnungen“. Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860) und die Kirchenmusik. In: Freiburger Diözesan-Archiv 130 (2010), S. 5-24.
  • Manfred Weitlauff: Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774-1860). Domkapitular von Konstanz und Augsburg, Generalvikar des Bistums Konstanz. Kirchlicher Reformer und Kirchenpolitiker zwischen Säkularisation und Neuorganisation der Kirche Deutschlands. Mit einem Quellen- und Dokumentenanhang. Zum 100. Todestag. In: Jahrbuch des Vereins für Augsburger Bistumsgeschichte 44. Augsburg, 2010. S. 1-335.
  • Christian Würtz: Ein Mosaikstein zur Vorgeschichte des Erzbistums Freiburg. Der Briefwechsel zwischen Wessenberg und Brauer im Mai/Juni 1813. In: FDA 123 (2003), S. 49-70.