
geboren 25.02.1874 in Kirchzarten
gestorben 07.02.1955 in Ötigheim
Gründer der Ötigheimer Volksschauspiele
Der am 25. Februar 1874 in Kirchzarten geborene Josef Saier tritt 1905 sein Amt als Seelsorger in Ötigheim an. Das mittelbadische Dorf zwischen Rastatt und Karlsruhe ist seine erste und einzige Pfarrstelle, denn der Geistliche findet hier seine Berufung als Seelsorger. Beim Eintreffen in der ländlichen Gemeinde bemerkt Saier die vielen Wirtshäuser, in denen seine Pfarrkinder die Zeit nutzlos vergeuden. Auf der Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung für die jungen Leute entwickelt der Priester als Liebhaber der Künste mit ein paar Gleichgesinnten ein Angebot, das weit über das bestehende Vereinsleben hinausgeht. In einer ehemaligen Kiesgrube entsteht eine gewaltige Theaterbühne, die Ötigheim innerhalb von wenigen Jahren einen beachtlichen kulturellen Ruf einbringt. Josef Saier begeistert seine Gemeinde, versteht das Theater als erweiterte Kanzel und bringt eine richtige Volksmenge auf die Bühne. Im Dorf finden sich immer wieder Junge und Alte, die ihre gesamte Freizeit in das Projekt investieren. 
Schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Ötigheim kann Saier mit dem Stück 'Die beiden Tilly' eine Ur-Premiere feiern, gedacht als kultureller Beitrag zum Regierungsjubiläum und der Golden Hochzeit von Großherzog Friedrich I. und seiner beliebten Gemahlin Luise. Allerdings muss das kunstvolle Unternehmen wegen mangelnder Rentabilität eingestellt werden. Aber Pfarrer und Gemeinde geben nicht auf. Der große Durchbruch gelingt 1910 mit 'Wilhelm Tell'. Publikum und Darsteller sind begeistert. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg steigen die Zuschauerzahlen über die magische Grenze von 100 000. Das Schiller-Drama ist bis heute das am häufigsten aufgeführte Schauspiel, weshalb die Ötigheimer ihre Bühnenanlage bis heute liebevoll 'Tellplatz' nennen.
Bis 1939 wird auf der Freilichtbühne in Ötigheim jedes Jahr gespielt und sofort ab 1945 wieder, ohne Unterbrechung bis zum heutigen Tag. Josef Saier entwickelt eine künstlerische Linie, die noch immer verbindlich ist. Bis zu 400 Mitwirkende aus allen Altersgruppen agieren je nach Stück gleichzeitig auf der Bühne als Rollenträger, als Volk, als Reiter, in Chören und in Tanzgruppen. Dazu kommen noch einmal zahlreiche Helfer in der Technik, der Schneiderei oder der Schreinerei. Irgendwie hat fast jeder im 4000-Seelen-Dorf etwas mit den Volksschauspielen zu tun.
Gespielt wird in den Sommermonaten von Juni bis August oder Anfang September. In jedem Jahr stehen auf dem Plan ein Haupt-, ein Kinder- und ein Abendstück, das einen geradezu bezaubernden Theatereindruck vermittelt. Außerdem gibt es festliche Konzerte und gelegentlich Aufführungen von befreundeten Bühnen.
Webseite der Ötigheimer Volksschauspiele
Literatur
Martin Walter, 100 Jahre Volksschauspiele Ötigheim – Volk spielt fürs Volk, ISBN 3-89735-432-2, im Buchhandel oder im Büro der Volksschauspiele und bei allen Veranstaltungen auf der Freilichtbühne.



