Lorenz Werthmann

 

geboren 01. Oktober 1858 in Geisenheim
gestorben 10. April 1921 in Freiburg

Der Sohn des streitbaren Gemeinderates, Kirchenvorstandes und Gutsverwalters Johann Werthmann aus Geisenheim am Rhein gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der katholischen Kirche im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sein Anliegen ist es gewesen, passende Hilfeangebote für die Nöte und die sozialen Probleme der Menschen zu finden.

Lorenz Werthmann macht 1877 sein Abitur am Bischöflichen Konvikt in Hadamar, einer Kleinstadt in der Nähe von Limburg. Anschließend studiert er Theologie am Collegium Germanicum in Rom, um Priester zu werden.

Hier lernt er Franz Hitze kennen, den Kaplan am Campo Santo Teutonico. Hitze wird wenige Jahre später den ersten Lehrstuhl für christliche Gesellschaftslehrer im deutschsprachigen Raum einnehmen und gehört zu den Wegbereitern des Caritasverbandes.

Nach seiner Priesterweihe 1883 kehrt Werthmann nach Limburg zurück, wird Privatsekretär bei Bischof Peter Josef Blum und nach dessen Tod Ende 1884 Domkaplan in Frankfurt, wo er das Elend der Menschen in einer Großstadt erlebt.

Bereits wenige Monate später ernennt ihn der neue Limburger Bischof Johannes Christian Roos erneut zum Privatsekretär. Im folgenden Jahr kommt er mit Roos nach dessen Wahl zum Erzbischof von Freiburg nach Süddeutschland. 1888 nimmt der Preuße Werthmann die badische Staatsbürgerschaft an, um als Priester der Erzdiözese wirken zu können. Angeblich soll dies sehr zum Unwillen hoher Geistlicher geschehen sein, bei denen der energische und impulsive Rheingauer nicht gerade beliebt gewesen ist.

Die Arbeit caritativer Vereine macht Werthmann mehr und mehr zum Mittelpunkt seiner Aufgabe. Praktische Erfahrungen im sozialen Bereich hat er bereits als Seelsorger für die italienischen Saisonarbeiter gesammelt.

Im Herbst 1894 tagt in Freiburg der 'Volksverein für das katholische Deutschland', der sich für eine Organisation aller sozialen Aktivitäten der Kirche ausspricht. Bekannte katholische Sozialpolitiker, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Schaffung eines katholisch-caritativen Zentralverbandes fordern, finden in dem jungen Priester Lorenz Werthmann eine dynamische Persönlichkeit, um dieses Vorhaben zu realisieren. Bereits ein Jahr später einigt man sich auf die Gründung eines 'Charitas-Comité' unter der Leitung von Lorenz Werthmann, das ähnlich wie die Innere Mission der evangelischen Kirche eine Organisation der konkreten Nächstenliebe werden soll.

Information und Aufklärung der Öffentlichkeit sind von Beginn an wichtige Aufgaben. Sein politisches Wirken unterstützt Werthmann mit zahlreichen Publikationen. 1895 gründet er dafür die Zeitschrift Caritas. Lorenz Werthmann betrachtet die soziale Arbeit als zeitgemäße Form der Volksmission, in der Hilfen mit einer christlichen Grundhaltung und mit religiösen Werten verknüpft werden. Es geht nach seinen Worten nicht um mildtätige Gaben oder edle Motive, sondern er betont immer wieder die fachliche Kompetenz der Mitarbeiter und die Notwendigkeit einer professionellen Organisation.

 

Bild rechts: Caritasstift in der Belfortstraße in Freiburg

In der Folgezeit schafft Werthmann alle Voraussetzungen und kann am 09. November 1897 in Köln die Gründungsversammlung für die neue Dachorganisation 'Charitasverband für das katholische Deutschland' abhalten. Die heutige Schreibweise Caritas wird erst 1909 eingeführt. Werthmann wird zum Vorsitzenden, Freiburg zum Sitz der Zentrale bestimmt. 1903 entsteht der erste Diözesan-Caritasverband in Straßburg, das damals noch zum Deutschen Reich gehört. Wenige Wochen später folgt das Erzbistum Freiburg. Die deutschen Bischöfe tun sich anfänglich schwer mit dem Caritasverband und vor allem mit Werthmann, dessen eigensinniges Handeln und unüberschaubare Aktivitäten das Misstrauen der kirchlichen Hierarchie geweckt haben. Trotzdem gelingt es, den Verband weiter zu entwickeln. Nach intensiven Beratungen garantieren die deutschen Bischöfe schließlich 1915 und 1916 den Bestand der Caritas.

 

Im damaligen Deutschland gibt es keine Not, deren Bekämpfung Werthmann nicht zum Auftrag der Caritas macht. Unter seiner Leitung engagiert sich der Verband für Arbeiter, Studenten, Straffällige und Prostituierte, unterstützt Frauen und Familien, betreut Kinder, Kranke und Behinderte, berät Auswanderer, organisiert die Trinkerfürsorge und die Bahnhofsmission. Zahlreiche Reisen und Vorträge, rastlose Arbeit und sein empfindliches Temperament führen allerdings zu einer völligen gesundheitlichen Erschöpfung. Im Alter von 62 Jahren stirbt er am 10. April 1921 in Freiburg. Aus seinen letzten Lebensstunden wird Prälat Lorenz Werthmann mit den Worten zitiert: "Ich habe mein ganzes Leben für die Organisation der Caritas eingesetzt, ohne zu wissen, wie wohltuend die Einrichtungen sind. Jetzt erfahre ich es am eigenen Leib." 

Werthmanns Vision, Anwalt und Partner für Benachteiligte zu sein, lebt bis heute in der Arbeit der Caritas weiter. In nahezu allen sozialen Bereichen leisten die rund 25 000 stationären und ambulanten Einrichtungen oder Dienste wertvolle Hilfen für die Gesellschaft. Mehr als eine halbe Million Mitarbeiter orientieren sich bei ihrer Arbeit am Leitwort 'Not sehen und handeln'.

Zu seinem 150. Geburtstag ehrt die Deutsche Post AG den Caritasgründer Lorenz Werthmann mit einer Sonderbriefmarke.

 

 

Text und Grafik: Dieter Waldraff
Bilder: Deutscher Caritasverband e.V., Deutsche Post AG

Literatur

  • "MitMenschen für Menschen – 100 Jahre Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg", Caritas-Festschrift, 2003, 108 S., Bezug über den Diözesan-Caritasverband Freiburg
  • Zum 150. Geburtstag erscheint im Freiburger Lambertus Verlag ein Sammelband unter dem Titel 'Lorenz Werthmann – Der Caritas-Macher', ISBN 3-7841-1853-4. Herausgeber ist Hans-Josef Wollasch. Das Buch informiert über Leben und Werk des Visionärs der verbandlichen Caritas, der es mit großem persönlichen Einsatz, politischem Geschick und Durchsetzungsfähigkeit geschafft hat, seine Ideen in die Tat umzusetzen.