Vertonungen des Stabat Mater

Quelle: Erzdiözese Freiburg

Das Stabat Mater ist gleichsam ein poetisch und oftmals zudem musikalisch gestalteter Blick auf die Passion Christi aus der Perspektive seiner Mutter Maria. In deutscher Übertragung finden wir das im Mittelalter entstandene Gedicht im Gesangbuch "Gotteslob" unter der Nummer 532 "Christi Mutter stand mit Schmerzen" sowie im Anhang Freiburg-Rottenburg bei Nr. 896 (alle Strophen).

 

Die Verfasserschaft des Stabat Mater ist unsicher. Als mögliche Autoren werden Jacopone da Todi (um 1300) und Bonaventura (gest. 1274) genannt. Offenbar waren die zehn jeweils sprachlich gleich gebauten Strophen zunächst ein persönliches Reimgebet, das dann 1727 als Sequenz zum damals neu eingeführten "Fest der Sieben Schmerzen Mariens" am 15. September Eingang in das Messbuch fand. Im Hintergrund stehen poetische und bildliche Traditionen: die "Marienklagen", die Passionsspiele sowie Bilder der "Mater dolorosa", etwa im Motiv der Pietà.

 

Der spirituelle Gehalt kreist um die Leidensgeschichte Jesu, an der Maria nach dem Zeugnis der Bibel (Johannes 19,25ff) unter dem Kreuz stehend Anteil nimmt. Sie wird so zum Vorbild in der "compassio", dem Mitleiden mit ihrem Sohn. Bilder und Affekte des Gebets sind von großer Eindringlichkeit und Ausdruckskraft, weil das Thema des Leidens Christi in geradezu leidenschaftlicher Weise in Erinnerung gerufen wird und der Beter sich selbst in das Geschehen auf Gologatha hinein meditiert. Am Ende steht die Hoffnung auf Erlösung durch Christi Leiden, Sterben und Auferstehen: "Fac ut animae donetur Paradisi gloria" (Mach, dass meiner Seele die Herrlichkeit des Paradieses geschenkt wird). "Paradisi gloria" heißt im Übrigen eine bedeutende Konzertreihe des Bayerischen Rundfunks und seines Rundfunkorchesters mit geistlicher Musik.

 

Viele Komponisten ließen sich durch die Worte des Stabat Mater inspirieren und legten häufig auch ihre eigene Marienfrömmigkeit in das Werk hinein: von Palestrina über Scarlatti sowie Joseph Haydn, Gabriel Rheinberger, Antonin Dvorak und Gioacchino Rossini bis zu neueren Werken, etwa von Francis Poulenc, Arvo Pärt oder Wolfgang Rihm und Knut Nystedt. Das bereits im 18. Jahrhundert berühmteste und bis heute oft aufgeführte Stabat Mater ist jenes von Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736), das den Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach so überzeugt hat, dass er die gesamte Komposition zu einer deutschen Kirchenkantate mit dem Titel "Tilge, Höchster, meine Sünden" umgearbeitet hat. Im 20./21. Jahrhundert finden viele Komponisten neue Ausdrucksformen für die Fülle der Emotionen, die ihnen im Stabat Mater begegnet. Sie nehmen die alten Worte als Grundlage neuer musikalischer Werke, die in ihrer Sinnlichkeit zum Hören, in ihrer Stimmigkeit zum Nachdenken und in ihrer Expressivität zum Glauben anregen können.

 

Dr. Meinrad Walter

Fotos: Giovanni Dall'Orto, Wikimedia Commons