Maria im Glauben der Kirche

Wer behauptet, dass Maria in der Heiligen Schrift nicht vorkomme oder nichts bedeute, kennt die Heilige Schrift nicht. Natürlich steht sie nirgendwo im Mittelpunkt, aber sie gehört ganz selbstverständlich zur Jesus Christus dazu als seine Mutter, als Glaubende, als Glied der Kirche. Über Maria werden in der Heiligen Schrift gewichtige Aussagen gemacht und ihr Leben wird in bedeutsame Zusammenhänge gestellt.
Wenn man die Aussagen der Heiligen Schrift über Maria behutsam zusammenfasst, ergeben sich folgende Linien:
- Maria ist die von Gott begnadete Frau. Sie ist von Gott berufen, Mutter des Sohnes Gottes zu werden.
- Ihre Mutterschaft ist kein privates Ereignis. An ihr erfüllen sich die Verheißungen an das Volk Gottes des Alten Bundes.
- Sie hat diese Berufung angenommen und im Glauben gelebt. Sie wird für ihren Glauben selig gepriesen und gehört zur Gemeinschaft derer, die an Jesus glauben.
- Ihr Lobpreis (Magnificat) fasst zusammen, was Gott an seinem Volk Großes getan hat.
- Maria steht unter einem besonderen Einfluss des Heiligen Geistes, der sie auf sie herab kommt. Das Kind, das sie empfängt und zur Welt bringt „ist vom Heiligen Geist“ (Mt 1,20)
- Die Tatsache, dass Gott seinen Sohn sandte „geboren von einer Frau“ (Gal 4,4) garantiert das wahre Menschsein Jesu und ist Grund, dass auch wir Kinder Gottes sind im Heiligen Geist.
- Maria ist ganz auf Jesus Christus hingeordnet und unmittelbar mit ihm verbunden. „Das Kind und seine Mutter“ gehören zusammen. Sie dient ihm und seiner Sendung.
- Sie ist gegenwärtig beim ersten „Zeichen“, das Jesus bei der Hochzeit von Kana wirkt. Sie leitet das Ereignis ein; sie greift Jesus nicht vor, sondern hilft mit, dass er das tun kann, was sein Auftrag vom Vater ist. „Was ER euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5)
- Sie ist eine treue Jüngerin Jesu und folgt ihm unter das Kreuz.
- Unter dem Kreuz wird sie vom sterbenden Christus in eine besondere Beziehung zu dem Jünger gebracht „den Jesus liebte“ (Joh 19,26f)
- Maria ist Glied der Urkirche und wird bei der Erwartung des Heiligen Geistes im Pfingstsaal zusammen mit den Aposteln und den Frauen namentlich erwähnt.
- Das Bild der Kirche und das Bild der Gottesmutter Maria lassen sich aufeinander beziehen. (vgl. Apk 12)
(Dr. Rainer Birkenmaier)
Im Laufe der Kirchengeschichte haben sich bestimmte Glaubensaussagen über Maria entwickelt. Je älter die Aussagen sind, umso mehr gehören sie zum gemeinsamen Glaubensbestand aller Christen. Was über Maria gesagt wird, ist immer bezogen auf das Bekenntnis zu Jesus Christus. Von hoher Verbindlichkeit für katholische Christen sind Aussagen, die von Konzilien oder vom Papst ausdrücklich als wichtige Glaubenswahrheiten formuliert wurden. Manche sind sie für uns heute schwer verständlich. Durch das Lehramt wurden folgende fünf verbindliche Glaubenssätze über Maria formuliert:
Maria ist Mutter Gottes
Maria ist die wirkliche menschliche Mutter Jesu Christi, der der Sohn Gottes ist. Sie hat nicht nur einen Menschen geboren, der eine besondere Aufgabe hatte oder später zum Messias wurde, sondern ihr Kind ist Gottes Sohn. Der Titel „Gottesmutter“ sichert die Wahrheit, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Das Konzil von Ephesus hat dies im Jahr 431 nach langen Kämpfen formuliert.
Maria ist immerwährende Jungfrau
Auch diese Glaubenswahrheit sichert die Einzigartigkeit ihres Sohnes Jesus Christus, der nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift durch ein besonderes Eingreifen Gottes im Schoß der Jungfrau Maria empfangen wurde. „Heiliger Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Lk 2,35) Im Blick auf Maria selbst wird ihre immerwährende Jungfräulichkeit bekannt: Weil sie so sehr hineingenommen ist in das Geheimnis Gottes, gehört sie bis in ihre Leiblichkeit hinein ganz Gott. Die Jungfrau Maria ist ein Zeichen dafür, dass der Mensch die Gnade Gottes in Jesus Christus nur demütig und offen empfangen kann.
Maria ist heilig und sündenlos
Maria wird von Gott für ihren Dienst geheiligt. Sie ist ganz durchdrungen von der Gnade Gottes, gibt aber ihren eigenen Willen dazu und trennt sich niemals – auch nicht in belastenden Situationen – von Gott. Maria steht deshalb an der Spitze aller Heiligen und verkörpert das Bild der Heiligkeit der Kirche.
Maria ist von der Erbschuld bewahrt geblieben
Diese Dogma ist der Formulierung nach relativ jung: Es wurde von Pius IX im Jahr 1854 verbindlich verkündet. Die Kirche glaubt, dass Maria vom ersten Augenblick an ganz im Wohlgefallen Gottes stand und sie deshalb frei von jedem Schatten der Sünde war. Diese Gnade hat Maria nicht selbst verdient, sondern es ist ihr im Blick auf ihre Aufgabe als Gottesmutter und „im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers“ geschenkt. Damit wird etwas ausgesagt über die ganz einzigartige Gnade, die Maria geschenkt ist, aber auch über alle Menschen, die berufen sind, die Erlösung in Jesus Christus zu empfangen.
Der Glaubenssatz muss gegen manche Missverständnisse geschützt werden: Er bedeutet nicht, dass das Lebens Marias auf wunderbare Weise entstanden wäre; sie wurde vielmehr wie jedes Kind von einem Vater gezeugt und einer Mutter empfangen. Aber – das ist der Inhalt des Dogmas von der „unbefleckten Empfängnis Mariens“ für ihr Leben gilt vom ersten Augenblick der Satz „Du bist voll der Gnade“.
Manche verwechseln auch die Aussage über die „unbefleckte Empfängnis“ Mariens (= vom ersten Augenblick ihres Lebens an ist Maria in der Gnade Gottes) mit der Glaubensaussage über die geistgewirkte Empfängnis Jesu (= Maria hat das Kind Jesus durch eine wunderbare Wirksamkeit des Heiligen Geistes empfangen). Die Glaubenswahrheit wird am 8. Dezember im „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ gefeiert.
Der Glaubenssatz muss gegen manche Missverständnisse geschützt werden: Er bedeutet nicht, dass das Lebens Marias auf wunderbare Weise entstanden wäre; sie wurde vielmehr wie jedes Kind von einem Vater gezeugt und einer Mutter empfangen. Aber – das ist der Inhalt des Dogmas von der „unbefleckten Empfängnis Mariens“ für ihr Leben gilt vom ersten Augenblick der Satz „Du bist voll der Gnade“.
Manche verwechseln auch die Aussage über die „unbefleckte Empfängnis“ Mariens (= vom ersten Augenblick ihres Lebens an ist Maria in der Gnade Gottes) mit der Glaubensaussage über die geistgewirkte Empfängnis Jesu (= Maria hat das Kind Jesus durch eine wunderbare Wirksamkeit des Heiligen Geistes empfangen). Die Glaubenswahrheit wird am 8. Dezember im „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ gefeiert.
Maria ist in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen
Das der Formulierung nach jüngste Dogma der Kirche (1950) bekennt, dass Maria, die im irdischen Leben ganz mit Christus verbunden war, nun auch mit Leib und Seele an seiner Auferstehungsherrlichkeit teilnimmt. An ihr hat sich in voller Weise jetzt schon erfüllt, was jedem verheißen ist, der Jesus Christus nachfolgt: Teilnahme an der Auferstehung Christi. Das Dogma macht auch deutlich, dass Maria bei Gott lebt und deshalb auch mit uns verbunden bleibt.
Maria und das 2. Vatikanische Konzil
Die Lehre der Kirche über Maria ist vom 2. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) bekräftigt und abgerundet worden. Innerhalb der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen Gentium“ werden alle wesentlichen Aussagen der Heiligen Schrift und der Tradition bekräftigt. Maria gehört zur Kirche, sie ist ihr Urbild und das vornehmstes Glied; Maria ist – so von Paul VI am Ende des Konzils proklamiert – „Mutter der Kirche“. In der Mitte des Gottesvolkes begleitet sie uns durch ihre Fürsprache bei Gott.
Wer wissen will, was die katholische Kirche über Maria lehrt, muss das 8. Kapitel der Kirchenkonstitution studieren.
(Dr. Rainer Birkenmaier)
Im folgenden geben wir die wichtigsten Aussagen des 1992 veröffentlichten "Katechismus der Katholischen Kirche" über Maria wieder. Die Reihenfolge der Zusammenstellung orientiert sich am Abschnitt "Maria in der Lehre der Kirche".
Maria ist Mutter Gottes

Nr. 495: In den Evangelien wird Maria „die Mutter Jesu“ genannt (Joh 2,1;19,25) [Vgl. Mt 13,55 u.a]. Weil der Heilige Geist dazu anregt, wird sie schon vor der Geburt ihres Sohnes als „die Mutter meines Herrn“ bejubelt (Lk 1,43). Der, den sie durch den Heiligen Geist als Menschen empfangen hat und der dem Fleische nach wirklich ihr Sohn geworden ist, ist ja kein anderer als der ewige Sohn des Vaters, die zweite Person der heiligsten Dreifaltigkeit. Die Kirche bekennt, daß Maria wirklich Mutter Gottes [Theotokos, Gottesgebärerin] ist.

Maria ist immerwährende Jungfrau

Nr. 496: Schon in den ersten Formulierungen des Glaubens hat die Kirche bekannt, daß Jesus einzig durch die Kraft des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Maria empfangen wurde. Auch der leibliche Aspekt dieses Geschehens wurde mitausgesagt: Sie hat Jesus „ohne Samen aus Heiligem Geist empfangen“ (Syn. im Lateran 649: DS 503). Die Väter sehen in der jungfräulichen Empfängnis das Zeichen dafür, daß wirklich der Sohn Gottes in eine uns gleiche menschliche Natur kam.
So sagt der hl. Ignatius von Antiochien [zu Beginn des 2. Jahrhunderts]: „Ihr seid vollkommen überzeugt von unserem Herrn, der wirklich aus dem Geschlecht Davids stammt nach dem Fleische [Vgl. Röm 1,3], Sohn Gottes nach Gottes Willen und Macht [Vgl. Joh 1,13], wirklich geboren aus einer Jungfrau ..., wirklich unter Pontius Pilatus ... angenagelt für uns im Fleische ..., und wirklich litt er, wie er sich auch wirklich auferweckte“ (Smyrn. 1–2).
Nr. 497: Die Berichte in den Evangelien [Vgl. Mt 1,18–25; Lk 1,26–38] fassen die jungfräuliche Empfängnis als ein Werk Gottes auf, das über jedes menschliche Verständnis und Vermögen hinausgeht [Vgl. Lk 1,34]. Der Engel sagt zu Josef von Maria, seiner Braut: „Das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist“ (Mt 1,20). Die Kirche erblickt darin die Erfüllung der Verheißung, die Gott durch den Propheten Jesaja gegeben hat: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären“ (Jes 7,14) [Nach der griechischen Übersetzung in Mt 1,23].
Nr.: 498: Man war manchmal verunsichert, weil das Markusevangelium und die Briefe des Neuen Testamentes nichts von der jungfräulichen Empfängnis Marias sagen. Man hat auch gefragt, ob es sich hier nicht um Legenden oder um theologische Konstrukte handelt, die nicht Anspruch auf Geschichtlichkeit erheben. Darauf ist zu antworten: Der Glaube an die jungfräuliche Empfängnis ist bei Nichtchristen, Juden wie Heiden, auf lebhaften Widerspruch, Gespött und Unverständnis gestoßen [Vgl. etwa Justin, dial. 99,7; Origenes, Cels. 1,32.69]; er war also nicht durch die heidnische Mythologie oder irgendeine Angleichung an zeitgenössische Ideen motiviert. Der Sinn dieses Geschehens ist nur für den Glauben erfaßbar, der es „aufgrund des Zusammenhanges der Geheimnisse selbst untereinander“ (DS 3016) im Ganzen der Mysterien Christi, von seiner Menschwerdung bis Ostern, sieht. Schon der hl. Ignatius von Antiochien bezeugt diesen Zusammenhang: „Es blieb dem Fürsten dieser Welt die Jungfrauschaft Marias und ihre Niederkunft verborgen, ebenso auch der Tod des Herrn – drei laut rufende Geheimnisse, die in Gottes Stille geschahen“ (Eph. 19, 1) [Vgl. 1 Kor 2,8].
Nr. 499: Ein vertieftes Verständnis ihres Glaubens an die jungfräuliche Mutterschaft Marias führte die Kirche zum Bekenntnis, daß Maria stets wirklich Jungfrau geblieben ist, auch bei der Geburt des menschgewordenen Gottessohnes. Durch seine Geburt hat ihr Sohn „ihre jungfräuliche Unversehrtheit nicht gemindert, sondern geheiligt“ (LG 57). Die Liturgie der Kirche preist Maria als die „allzeit Jungfräuliche“ [Aeiparthenos] [Vgl. LG 52].
Nr. 500: Man wendet manchmal dagegen ein, in der Schrift sei von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede [Vgl. Mk 3,31–35; 6,3;1 Kor 9,5; Gal 1,19]. Die Kirche hat diese Stellen immer in dem Sinn verstanden, daß sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen. In der Tat sind Jakobus und Josef, die als „Brüder Jesu“ bezeichnet werden (Mt 13,55), die Söhne einer Maria, welche Jüngerin Jesu war [Vgl. Mt 27,56] und bezeichnenderweise „die andere Maria“ genannt wird (Mt 28,1). Gemäß einer bekannten Ausdrucksweise des Alten Testamentes [Vgl. z.B. Gen 13,8; 14,16; 29,15] handelt es sich dabei um nahe Verwandte Jesu.
Nr. 501: Jesus ist der einzige Sohn Marias. Die geistige Mutterschaft Marias aber [Vgl. Joh 19,26–27; Offb 12,17] erstreckt sich auf alle Menschen, die zu retten Jesus gekommen ist: „Sie gebar einen Sohn, den Gott zum ,Erstgeborenen unter vielen Brüdern‘ (Röm 8,29) gesetzt hat, den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt“ (LG 63).

Maria ist heilig und sündenlos

Nr. 493: Die ostkirchlichen Väter nennen die Gottesmutter „die Ganzheilige“ [Panhagia]; sie preisen sie als „von jeder Sündenmakel frei, gewissermaßen vom Heiligen Geist gebildet und zu einer neuen Kreatur gemacht“ (LG 56). Durch die Gnade Gottes ist Maria während ihres ganzen Lebens frei von jeder persönlichen Sünde geblieben.

Maria ist von der Erbschuld bewahrt geblieben

Nr. 490: Da Maria zur Mutter des Erlösers ausersehen war, „ist sie von Gott mit den einer solchen Aufgabe entsprechenden Gaben beschenkt worden“ (LG 56). Bei der Verkündigung grüßt sie der Engel als „voll der Gnade“ (Lk 1,28). Um zur Ankündigung ihrer Berufung ihre freie Glaubenszustimmung geben zu können, mußte sie ganz von der Gnade Gottes getragen sein (Vgl. dazu auch 2676, 2853, 2001).
Nr.491: Im Laufe der Jahrhunderte wurde sich die Kirche bewußt, daß Maria, von Gott „mit Gnade erfüllt“ (Lk 1,28), schon bei ihrer Empfängnis erlöst worden ist. Das bekennt das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, das 1854 von Papst Pius IX. verkündigt wurde (Vgl. dazu auch 411): „... daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt wurde“(DS 2803).
Nr. 492: Daß sie „vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an im Glanz einer einzigartigen Heiligkeit“ erstrahlt (LG 56), kommt ihr nur Christi wegen zu: Sie wurde im „Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst“ (LG 53). Mehr als jede andere erschaffene Person hat der Vater sie „mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch [die] Gemeinschaft mit Christus im Himmel“ (Eph 1,3). Er hat sie erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit sie in Liebe heilig und untadelig vor ihm lebe [Vgl. Eph 1,4] (Vgl. dazu auch 2011, 1077).

Maria ist in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen

Nr. 966: „Schließlich wurde die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt, nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht, um vollkommener ihrem Sohn gleichgestaltet zu sein, dem Herrn der Herren und dem Sieger über Sünde und Tod“ (LG 59). Die Aufnahme der heiligen Jungfrau ist eine einzigartige Teilhabe an der Auferstehung ihres Sohnes und eine Vorwegnahme der Auferstehung der anderen Christen.
„Bei deiner Niederkunft hast du die Jungfräulichkeit bewahrt, bei deinem Entschlafen hast du die Welt nicht verlassen, o Mutter Gottes. Du bist zurückgekehrt zum Quell des Lebens, die du den lebendigen Gott empfingst und durch deine Gebete unsere Seelen vom Tod befreien wirst“ (Byzantinische Liturgie, Tropar am Fest der Entschlafung am 15. August).
Auf das Wort Gottes zu hören und sich ihm anzuvertrauen, ist die Antwort des Glaubens auf die göttliche Offenbarung. Als das Vorbild des Glaubensgehorsams stellt die Heilige Schrift uns Abraham vor Augen. Die Jungfrau Maria verwirklicht ihn am vollkommensten: "Indem Maria dem Worte Gottes ihre Zustimmung gab, wurde sie zur Mutter Jesu. Sie machte sich aus ganzem Herzen, ohne daß eine Sünde sie davon abgehalten hätte, den göttlichen Heilswillen zu eigen und gab sich ganz der Person und dem Werk ihres Sohnes hin, um mit der Gnade Gottes in Abhängigkeit vom Sohn und in Verbundenheit mit ihm dem Erlösungsgeheimnis zu dienen" (Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 494).
Eine Auslegung des "Ja" Marias auf die Botschaft des Engels geben wir mit freundlicher Genehmigung des Autors aus dem Buch "Christsein mit Maria" von Dr. Peter Wolf wieder:
"Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast."
Mit diesen Worten gibt Maria im Evangelium ihre Zustimmung zu Gottes Plan, wie ihn der Engel Gabriel ihr ausgerichtet hat. Es ist die Anwort auf die Berufung von Gott, die ihre ganze Existenz betrifft und verändern wird. Im Gehorsam gegenüber Gott lässt sie sich ein auf Gottes Zusage. Sie nennt sich „die Magd des Herrn". Dies ist nicht im Sinne des profanen Griechisch als „unfreie Sklavin" zu übersetzen. Diese Redewendung bezeichnet vielmehr im Sinne der griechischen Bibelübersetzung zur Zeit Jesu das Verhältnis des Mose oder der Propheten gegenüber Jahwe oder auch des auserwählten Bundesvolkes zu seinem Gott. Diesem großen Gott, der um sein Volk wirbt, der es als sein Eigentum gewonnen hat, übereignet sich Maria. Sie stimmt zu, dass alles geschehen soll, was er ihr durch den Engel Gabriel sagen ließ.
Um die Bedeutung dieser Antwort zu ermessen, ist es gut, auf das Zwiegespräch zu achten, das im Evangelium der Zustimmung Marias vorausgeht. Nachdem der Engel die prophetische Verheißung des kommenden Messias hier und jetzt in dem Kind, das sie empfangen soll, erfüllt sieht, fragt Maria zurück: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?" (Lk 1,34) Man hat die Frage Marias lange Zeit in dem Sinne ausgelegt, dass sie den Engel aufmerksam machen wolle auf ein Gelübde der Jungfräulichkeit, das für sie das Empfangen eines Kindes in der geschlechtlichen Begegnung mit einem Mann ausschließe. Diese Auslegung geht auf eine späte Legende zurück, die von Marias Aufopferung und Erziehung im Tempel erzählt.
Wir müssen davon ausgehen, dass Jungfräulichkeit im Judentum kein Ideal war. Es ist eher eine Schande, und beim Propheten Jeremia wird es sogar ein Drohzeichen (vgl. Jer 16,2f), unverheiratet zu bleiben. Einem Jungfräulichkeitsgelübde Marias würde auch die selbstverständlich berichtete Verlobung mit Josef widersprechen. Marias Frage hat jedoch zur Voraussetzung, dass die Empfängnis Jesu ohne Zutun eines Mannes geschieht. Wie dieses Menschen Unmögliche trotzdem geschehen soll, will die Frage ansprechen. Gerade darauf antwortet der Engel: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten" (Lk 1,35). Es geht in der Empfängnis Jesu eben ganz um Gottes Initiative und Macht.
Der folgende Hinweis auf Elisabet und das trotz ihres Alters und ihrer vermuteten Unfruchtbarkeit empfangene Kind verweist auf die Spur des Handelns Gottes in der heiligen Geschichte Israels. Wie schon bei der Verheißung an Abraham und Sara, in hohem Alter noch ein Kind zu bekommen, hat Gott die Verheißung an Zacharias und Elisabet erfüllt. Dieser Hinweis soll Maria und uns als Hörer des Evangeliums veranlassen, mit dem Unmöglichen zu rechnen. „Denn für Gott ist nichts unmöglich" (Lk 1,37).
Maria und Abraham
Die gleiche Aussage findet sich in der Abrahamsgeschichte (vgl. Gen 18,14), die von der Empfängnis des Isaak erzählt. Abraham gilt dem Volk Israel und der Kirche als Vater des Glaubens, weil er sich ganz auf Gottes Verheißung und auf Gottes Möglichkeiten eingelassen hat. Gott machte ihn zum Bundespartner und begann mit ihm eine neue Geschichte. Die Zustimmung Marias in der Stunde der Verkündigung steht ganz in dieser großen heilsgeschichtlichen Parallele. Maria überlässt sich Gottes Möglichkeiten. In ihr kommt der Glaube Israels, den Gott im Bund von seinem Volk erwartet, zu seiner letzten Vollendung. In radikalem Glauben gibt sie ihre Zustimmung zu Gottes Plan. Für diesen Glauben wird Maria später von Elisabet selig gepriesen: „Selig ist die, die geglaubt hat, was der Herr ihr sagen ließ" (Lk 1,45).
(Dr. Peter Wolf)
"In manchen katholischen Liedern und Gebeten wird Maria, die Mutter Jesu, auch als Retterin bezeichnet. Ist das nicht ein Affront gegen den einzigen Erlöser Jesus Christus, gegen Gott und die Bibel? Wie kann die katholische Kirche so etwas zulassen?"
Auch für katholische Christen und Christinnen ist klar: Jesus Christus "allein ist unser Erlöser und Retter" (Konzil von Trient, Dekret über Heiligenverehrung, 3.12.1563). Er ist der göttliche Sotér (bibel-griechisch für Retter, Heiland), weil er den Menschen das ewige Leben schenken kann. Maria und die anderen Heiligen können das niemals.
Sie bedürfen selbst der Rettung durch Christus und können aus eigener Macht nichts Rettendes für uns tun. Sie können aber für uns beten und durch ihre Fürbitte und ihr Vorbild mithelfen, dass möglichst viele Menschen ihr Heil (sotería) in Christus finden. In diesem Sinn - und nur in diesem Sinn! - können auch Menschen für andere zu "Rettern" werden.
So sagt Paulus von sich: "Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten" (1 Korinther 9,22; vgl. auch Römer 11,24; 1 Timotheus 4,16). An anderer Stelle fordert uns das Neue Testament auf: "Erbarmt euch derer, die zweifeln; rettet sie, entreißt sie dem Feuer!" (Judas 22f) Im Jakobusbrief steht: "Das gläubige Gebet wird den Kranken retten..." (Jakobus 5,15) Und: "Wer einen Sünder, der auf Irrwegen ist, zur Umkehr bewegt, der rettet ihn vor dem Tod und deckt viele Sünden zu." (Jakobus 5,20) - Diese Art des Rettens, zu der die Bibel grundsätzlich alle Gläubigen auffordert, wird man Maria und den Heiligen nicht absprechen dürfen. Als "Fürbitter" sind sie auch "Retter" und "Helfer".
Martin Luther sagt: "Christen, die beten, sind lauter Helfer und Heilande, ja Herren und Götter der Welt. Sie sind Beine, die die ganze Welt tragen." - Das mit den "Göttern" würde ich (trotz Johannes 10,35) wegen allzu großer Missverständlichkeit nicht sagen, aber sonst stimme ich diesem Wort des Reformators auch als katholischer Christ gerne zu.
(Karl Veitschegger)
