Der biblische Lobgesang der Maria hat Komponisten aller Epochen in Atem gehalten: von der Gregorianik über Palestrina und Mozart bis zum Taizé-Gesang. Die Geschichte der Magnificat-Vertonungen setzt ein mit der liturgisch-einstimmigen Gregorianik, wie wir sie auch im katholischen Gesangbuch Gotteslob finden (lateinisch Gl 631,8; deutsch Gl 631,4). Das in zwei Gruppen alternierende Singen des Magnificats ist, vergleichbar dem Palmengesang, ein rhythmisch-wohltuender Wechsel von Hören, Singen und nachdenklichem Schweigen jeweils in der Versmitte.
Weil das Magnificat im Rahmen des Stundengebetes (Tagzeitenliturgie) der "Hochgesang" der Vesper ist, wurde es besonders häufig und feierlich in Musik gesetzt. Schlichte Mehrstimmigkeit finden wir ebenso wie den Raum einbeziehende doppelchörige Vertonungen, etwa bei Claudio Monteverdi (1567–1643), dessen "Marienvesper" (1610) für Solisten, Chor und Instrumente den frühbarocken Höhepunkt marianisch inspirierter Musik darstellt.
Auch Johann Sebastian Bach (1685–1750) schuf in seinem ersten Amtsjahr als Leipziger Thomaskantor ein lateinisches Magnificat, das vermutlich am 2. Juli 1723 (Fest Mariae Heimsuchung) uraufgeführt wurde und dann in der Weihnachtsvesper jenes Jahres, mit weihnachtlichen Einlagesätzen angereichert, erneut erklang. Die Klangwelt dieses Werkes reicht vom überschwänglichen Gotteslob bis zum innig-meditativen "komponierten Gebet".
Zahlreich sind die Vertonungen des Magnificat für Orgel bzw. für den Wechsel von Orgel mit Gesang. Im 20. Jahrhundert dann suchen Komponisten nach neuen Ausdrucksformen für diesen alten biblischen Text voller Bilder und Emotion. Während der estnische Komponist Arvo Pärt (geb. 1935) archaische Klänge bevorzugt, nutzt Jügen Essl (geb. 1961), ehemals Bezirkskantor in der Erzdiözese Freiburg, auch orientalisch anmutendes Kolorit für sein Magnificat für Sopransolo und gemischten Chor.
Dr. Meinrad Walter
Foto: Amt für Kirchenmusik

