Das Magnificat - Marias Lobgesang
Der Evangelist Lukas berichtet, wie Maria wenige Tage nach der Verheißung der Geburt des Gottessohnes durch den Engel Gabriel ihre Verwandte Elisabeth besucht (Lk 1,39-56). Bei der Begrüßung wird Elisabeth vom Heiligen Geist erfüllt und preist Maria und ihr Kind. Darauf stimmt Maria einen Lobgesang an (Lk 1,46-55), der nach dem Anfangswort der lateinischen Fassung "Magnificat" heißt:
Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,
und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht
über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
Magnificat anima mea Dominum,
et exsultavit spiritus meus in Deo salvatore meo,
quia respexit humilitatem ancillae suae.
Ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes,
quia fecit mihi magna, qui potens est,
et sanctum nomen eius,
et misericordia eius in progenies et progenies
timentibus eum.
Fecit potentiam in brachio suo,
dispersit superbos mente cordis sui;
deposuit potentes de sede
et exaltavit humiles;
esurientes implevit bonis
et divites dimisit inanes.
Suscepit Israel puerum suum,
recordatus misericordiae,
sicut locutus est ad patres nostros,
Abraham et semini eius in saecula.
Das Magnificat ist alttestamentlichen Lobliedern wie dem Gesang der Hanna (1 Sam 2,1-10) nachgebildet und greift sowohl wörtlich als auch indirekt Formulierungen aus den Psalmen und den Prophetenbüchern auf. Es setzt mit dem Lobpreis für Gottes Handeln an Maria ein (V. 46-49) und nimmt dann allgemeiner Gottes Heilshandeln in den Blick (V. 50ff). Am Schluss (V. 54+55) geht es um das Erbarmen Gottes für sein auserwähltes Volk Israel, das der Herr dem Stammvater Abraham und dessen Nachkommen verheißen hat. Das Handeln Gottes an Maria wird dadurch beispielhaft für ganz Israel und damit für die Kirche. Die Rolle Marias als Urbild und Vorbild der Kirche wird also zu Beginn des Lukasevangelium schon anfanghaft sichtbar.
Das Magnificat preist Gott als treuen, solidarischen und parteilichen Gott, dessen rettendes Eingreifen den Niedrigen und Hungernden gilt. Aus der Erfahrung früherer Heilstaten erwächst die Hoffnung, dass Gott auch künftig befreiend handeln und sich dadurch als der Große und Mächtige erweisen wird. Zugleich ist es eine scharfe Warnung an die Reichen und Hochmütigen, und an diejenigen, die als mächtig gelten und auf den Thronen dieser Welt sitzen.
Die Begnung zwischen Maria und Elisabeth (Lk 1,39-56) wird am Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) und am Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel (15. August) in der Eucharistiefeier als Evangeliumstext gelesen. Der heilige Benedikt bestimmt das Magnificat in seiner Ordensregel als Teil der Vesper; das römische Brevier ist der Benediktsregel hierin gefolgt. So preist die Kirche täglich im Abendlob zusammen mit der Mutter des Herrn den barmherzigen und befreienden Gott.
Dr. Norbert Kebekus
Literatur:
- Martin Luther, Das Magnifikat. Mit einer Einführung von Helmut Riedlinger, Herder Verlag 1982 (nur noch antiquarisch erhältlich)
- Carlo Maria Martini, Marias Lobgesang. Eine Besinnung auf das Magnificat, Verlag Neue Stadt, 2003, ISBN 3-87996-582-X
- Andrea Qualbrink - Stefan Voges, Mein Geist jubelt über Gott. Von einem Gott der anspricht, Verlag Katholisches Bibelwerk 2006, ISBN 3-460-27226-0
- Hermann Schalück, Das Lied der Befreiung. Das Magnifikat neu verstehen, Butzon & Bercker 2002, ISBN 3-7666-0503-8
