Eva-Maria Steidel, Ikone Gottes sein - ein Weg mit Maria
1. Höre mit dem Ohr deines Herzens
"Höre, o Sohn...auf die Weisung des Vaters, neige das Ohr deines Herzens..."
Mit diesem Wort beginnt der hl. Benedikt seine Regel, nach der so viele Menschen leben, sei es innerhalb eines Klosters oder auch außerhalb. Wie wichtig ist es, dass wir das innere Hören, das Hören mit dem Ohr unseres Herzens, einüben, mehr und mehr, und es pflegen, damit auch unser äußeres Ohr, das von so vielen Geräuschen und Aktivitäten und heranbrandenden Dingen belastet ist, heil werden kann.
Ja, diese heranbrandenden Dinge und belastenden Umstände erfahren selbst Heilung von innen, wenn wir das Ohr unseres Herzens neigen und lauschen, hineinlauschen in den Kern aller Dinge, in den Sinn allen Geschehens, um dabei mehr und mehr denjenigen zu erlauschen, zu ent – decken, der hinter allem steht und der alles zu unserem Heil fügt.
Als wesentliche Hilfe zu solcher Meditation hat sich für mich die Ikonenmalerei aufgetan, die in meinem Leben seit langen Jahren eine wichtige Rolle spielt.
2. Das Herzensgebet
Doch musste in meinem Leben erst der Boden dazu bereitet werden: In tiefster Krisenzeit lernte ich einmal ein Gebet kennen, das mir von da an zum ständigen Begleiter wurde und oftmals auch zum einzigen Halt und Geländer auf dem Weg. Es ist mir wahrhaftig zum Herzens-Gebet geworden: "Herr, Jesus Christus – erbarme dich meiner!"
Dieses Gebet hat seinen Ursprung in der östlichen Tradition des Christentums, wie es sich in der Feier der byzantinischen Liturgie und im Lebensvollzug eines orthodoxen Christen ausprägt. Bekannt wurde das Jesus-Gebet in den letzten Jahren durch die Veröffentlichungen von Altabt Emmanuel Jungclaussen von Niederaltaich zu diesem Thema, vor allem aber durch das Buch: "Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers", das er in den 80er Jahren in deutscher Übersetzung herausbrachte.
Auf der Suche nach dem immerwährenden Gebet, dem "Beten ohne Unterlass" kommt dieser Pilger vom mechanischen Absolvieren hunderter von Anrufungen des Namens Jesu zum wahren Beten des Herzens. Es betet in ihm. Der Herr wird mehr und mehr zur Mitte seines Lebens, seines Herzens. ER betet und atmet in ihm und durchpulst sein Leben und Sein. Es geschieht Gottes Geburt im Menschen. Der Mensch – der Pilger – erfährt Neuwerdung und Umgestaltung. Das Bild Christi prägt sich in ihm immer mehr aus und gestaltet ihn. Der Pilger – der Christ – wird selbst zur Ikone des Herrn, wenn er sich von IHM gestalten lässt.
3. "Mir geschehe nach Deinem Wort"
Wer kann uns auf diesem Pilgerweg mehr Vorbild und Begleiterin sein als Maria, welche diese Gottesgeburt in sich leibhaft erfahren hat und zu der Ikone Gottes schlechthin wurde.
Sie hörte den Gruß des Engels und neigte das Ohr ihres Herzens. Das Wort wurde Fleisch in ihr und sie gebar uns Christus, den Sohn Gottes.
Alle Geschehnisse bewegte sie in ihrem Herzen. Und es wurde ihr viel zugemutet!
Um Gottes Wege – seine Zumutungen zu verstehen, werden wir wohl ein ganzes Leben brauchen, wie Maria, und ein letztes Verstehen und Erkennen wird uns wahrscheinlich erst in der Ewigkeit, in SEINEM Augen–Blick, geschenkt. An den Anfang dieses Weges setzt Maria jedoch offen und bereit das Wort: "Mir geschehe nach deinem Wort" (Lk 1,38). Mit diesem ihrem Wort sagt sie sich Gott zu, gibt sie Antwort auf Sein Wort, überantwortet sie sich Seinem Wort und übernimmt sie Verantwortung. Es ist nicht ein passives Hinnehmen der Dinge, sondern höchst aktives Geschehen, eine Tat der Freiheit. Als Hörende wird sie gehorsam, eine IHM Gehörende.
Als Christen, als Menschen, die Christi Namen tragen und so IHM Angehörende sind, werden wir uns ein Leben lang in diese Haltung einüben müssen, wenn wir in unserem Leben und Zeugnis glaubwürdig sein wollen. Dabei darf ruhig deutlich werden, dass auch wir Ringende sind auf diesem Weg. Gerade darin werden wir den Menschen nahe, ja am nächsten sein.
Marias Leben war bis zu ihrem einsamen Stehen unter dem Kreuz ihres Sohnes ein solches Ringen. Wie sehr mag sie um Deutung gerungen und über all die Worte und Dinge, die sie "in ihrem Herzen bewahrt hatte"(Lk 2,19 u. 2,51) nachgedacht haben. Ihr Gehen mit IHM war ein Weg der Demut. Echte Liebe und Freundschaft ist nie möglich ohne Demut. Es ist der Mut zum Dienen, zum Loslassen. Hier unter dem Kreuz gibt sie IHN ein letztes Mal hin und frei. Und ER wiederum gibt sie uns zur Mutter, damit sie uns zum Stern werde, "Stella maris" – zum Stern des Meeres, der den Irrenden und Suchenden auf dem Weltenmeer Halt und Orientierung gebe und unser schwankendes Lebensschiff in sicheren Hafen führe.
4. Ikone Gottes sein
Wenn wir eine Marienikone anschauen, vor ihr still werden, sie verehren, dann leuchtet uns das ganze Leben Mariens auf. Das Leben Mariens zeigt uns zugleich auch das Leben Jesu Christi, des in ihr fleischgewordenen Wortes Gottes. Und das Bild, die Ikone Mariens, zeigt uns zugleich auch das Bild Christi.
Der Archetypos, das "Urbild" jeder Ikone ist die Christus-Ikone. Dieses Antlitz des menschgewordenen Gottes heiligt alle anderen Gesichter. Der auf der Ikone dargestellte Mensch ist von Gnade erfüllt: "voll der Gnade"!
Durch seine Teilhabe am göttlichen Leben heiligt er den Raum, die Zeit und seine ganze Umwelt – und somit auch jenen, der vor einer Ikone betet.
Die Ikone als ‚Gottesschau’ muss beim Betrachter das Gebet auslösen.
Die Ikone gewährt dem Betrachter Zugang zu einer anderen Sichtweise der Wirklichkeit. Er ist persönlich eingeladen, an dieser Verklärung teilzuhaben. Ein Mensch wird in dem Maße Ikone Gottes und menschlicher, in dem er sich durch Christi Gegenwart entfaltet, was dann auch heißt: sich den anderen ganz öffnen, der Welt und Gott.
Von Olivier Clément, einem orthodoxen Theologen stammt folgendes Zitat:
"Das Christentum ist die Religion der Gesichter... Christ sein bedeutet, sogar mitten in der Abwesenheit, im Tod, ein immerzu offenes Gesicht zu entdecken, ein Tor zum Licht, zu Christus hin, und um ihn herum die von seinem Licht, seiner Zärtlichkeit erfüllten Gesichter der Sünder, denen er vergeben hat, die nicht mehr richten, sondern die anderen annehmen.
Evangelium bedeutet die Verkündigung dieser Freude."
Nicht umsonst wird Maria daher gerne "Ur-sache unserer Freude" genannt, da sie uns die Freude – Christus – gebar.
Eva-Maria Steidel
(Ikonen, Text und Fotos)
Link: www.evamariasteidel.de
