Maria in der Spiritualität der Fokolar-Bewegung
In der Fokolar-Bewegung, die offiziell als "Werk Mariens" anerkannt ist, nimmt Maria einen wichtigen Platz ein, jedoch mehr im Hintergrund. "Maria ist nicht gekommen, um zu predigen, sondern um der Welt Jesus zu geben." Dieser Satz von Chiara Lubich fasst vielleicht am besten zusammen, was Maria für Chiara Lubich und ihre ersten Gefährtinnen so anziehend machte. Auch wir möchten so leben, dass Jesus Christus geistigerweise hier und heute lebendig wird und wirken kann und heute das leben, was uns Maria vor 2000 Jahren vorgelebt hat.
So ist nachvollziehbar, warum unsere mehrtägigen Begegnungen "Mariapoli" genannt werden. Die "Stadt von Maria" soll und will der Ort sein, an dem Jesus bezeugt und durch die gegenseitige Liebe geistigerweise geboren wird.
Die Mutter Gottes
Ein wesentlicher Aspekt, den Chiara Lubich hervorhebt, wenn sie über Maria spricht, ist: Maria, die Mutter Gottes, die Theotókos, wie sie spätestens seit dem Konzil zu Ephesus 431 von den Christen geglaubt wurde - also zu einer Zeit, da die Kirchentrennung unserer Tage in orthodoxe, römisch-katholische und Christen aus der Tradition der Reformation noch nicht am Horizont erkennbar war.
Maria ist Mutter Jesu – er ist Gott und Mensch zugleich, wir können seine göttliche und menschliche Natur nicht trennen, auch wenn diese Wirklichkeit unsere Vorstellung übersteigt. Maria ist also Mutter Gottes. Ihr JA zu Gottes Anruf in der Verkündigung bewirkt, dass sie teilhat an dem Erlösungswerk Gottes.
Marias Mutterschaft ist ein Zeichen für Gottes Größe und Liebe. ER ist es, der sich in seinem Sohn klein macht, sich zu einem von uns macht – aus Liebe. Dadurch macht er Maria groß, die ihn in sich wachsen lässt, ihm das Leben schenkt, die ihn aufzieht, ihm die ersten Schritte beibringt, die ihn sein Leben lang begleitet, ihm schließlich nachfolgt in den entscheidenden drei Jahren seines öffentlichen Lebens.
Wiederholt hat Chiara Lubich darauf hingewiesen, wie die Episoden aus dem Leben von Maria, die uns in den Evangelien überliefert werden, sich in unserem geistlichen Leben widerspiegeln. Maria ist "nicht nur Hörerin, sondern Täterin des Wortes" Jak. 1, 21, sie ist uns im Leben mit Jesus, dem Wort Gottes, vorangegangen ist und kann Vorbild sein. Maria erscheint wie "mit dem Wort Gottes bekleidet".
Einige exemplarische Momente:
- Die Verkündigung: "Mir geschehe, wie Du es gesagt hast" Lk 1,28. In Maria sehen wir, was geschieht, wenn wir uns auf das einlassen, was Gott im je gegenwärtigen Augenblick von uns möchte; was geschieht, wenn wir Gott lieben und seine Worte halten. Jesus wächst in uns.
- Die Hochzeit zu Kana, das erste öffentliche Auftreten Jesu.
Wie kommt uns Maria hier entgegen? Als die, die sich nicht kränken, nicht abweisen lässt. Jesu Hinweis, dass seine Stunde noch nicht gekommen ist, hindert sie nicht, ihre Hoffnung voll in ihn zu setzen: "Was Er euch sagt, das tut" Joh 2,5.
Bis dahin, so können wir uns vorstellen, hatte Jesus von Maria, seiner Mutter, gelernt. Bei der Hochzeit zu Kana wird deutlich: Maria tritt in seine Nachfolge, sie zieht mit ihm, wie die Jünger. Sie lernt von ihm, alle seine Worte gelten auch ihr wie den anderen Jüngern. War sie vorher ganz auf Gott, den Vater, ausgerichtet, so wendet sie sich jetzt dem Sohn zu, denn: "Niemand kommt zum Vater, außer durch mich" Joh 14,6. Und so hat sie - wie wir alle - teil daran, dass Jesus Christus uns zu Kindern Gottes macht.
Ein Paradox des Glaubens: Maria, die Mutter Gottes und zugleich seine Tochter! Was das heißt, ist wohl eher zu erahnen als mit dem Verstand zu fassen. - Und ein letzter Moment: Maria unter dem Kreuz : "Frau, siehe, dein Sohn" Joh 19,25. Ein zweites "Ja" wird Maria zugemutet. Diesmal in einer ganz anderen Situation: Ihr Sohn, ihre ganze Hoffnung, hängt am Kreuz, scheint kläglich gescheitert. Auf ihre Weise lebt sie den Moment der Verlassenheit ihres Sohnes. Maria ist wie "versteinert" unter dem Kreuz – aber doch aufrecht.
Und Jesus traut ihr in diesem Moment des Schmerzes zu, sich jemand anderem zuzuwenden, nicht in ihrem Schmerz zu verharren, sondern für Johannes da zu sein, ihm Mutter zu werden. So ist zu verstehen, wenn Chiara Lubich Maria "die Mutter aller Menschen" nennt. Sie "verliert" Gott - und "gewinnt" alle Menschen....
Maria – Modell des Christen
Die Fokolar-Bewegung ist bekannt für ihren Dialog mit Menschen unterschiedlicher christlicher Konfessionen, Religionen und auch anderer Weltanschauungen. Das Bild, das in der Spiritualität der Fokolar-Bewegung von Maria gezeichnet wird, erweist sich in diesem Dialog als förderlich, Maria kommt uns nah als die Erste, die Jesus nachgefolgt ist.
In einem Text formuliert Chiara Lubich in einer fast mystischen Weise, was das Sein Marias ausmacht. Er kann ein Schlüssel werden, wie Maria zu leben, und lässt noch einmal aufleuchten, wie sehr das Leben von Maria und das Leben Jesu miteinander verwoben sind:
Auch Maria hat gesprochen: Sie hat Jesus gebracht. Niemand in der Welt war je ein größerer Apostel. Niemand hatte je Worte wie sie, die das Wort gab. Aber sie schwieg – weil sie zu zweit nicht sprechen konnten. Immer muss das Wort sich auf ein Schweigen stützen wie ein Gemälde auf seinen Grund. Sie schwieg, weil sie Geschöpf war, weil das Nichts nicht spricht.
Aber auf diesem Nichts sprach Jesus und sagte sich selbst.
Gott, Schöpfer und Alles, sprach aus dem Nichts des Geschöpfes.
Wie kann ich also Maria leben?Das Geschöpf in mir soll schweigen, und auf diesem Schweigen soll der Geist des Herrn sprechen. So lebe ich Maria und lebe Jesus, lebe Jesus auf dem Schweigen Marias, lebe Jesus, indem ich Maria lebe.
Dr. Annette Gerlach
(für die Fokolar-Bewegung Südwestdeutschland)
