Mariengedichte deutschsprachiger Dichter
Durch fast alle Jahrhunderte deutscher Dichtung ist das Motiv von Maria mit beeindruckender Konstanz gewandert, sicher auch auf Grund des poetischen Charakters ihrer Gestalt! Unzählige religiöse Bilder, in tiefer Frömmigkeit oder aber in radikaler Suche gründend, beschreiben diese Gestalt unseres Glaubens mit lyrisch-poetischem Gesang. Dabei geht es vom Lobpreis Mariens als Mutter Jesu und Vorbild unseres Glaubens bis dahin, die großen Nöte der Menschen, wie ungetröstetes Leid oder Glaubensverlust zu formulieren und ihr anzutragen.
Im Folgenden finden Sie fünf phantasievolle Mariengedichte aus neuerer Zeit, in denen Maria einen, vielleicht ungewohnten Zauber erhält!
Dr. Claudia Fuchs-von Brachel
Geburt Mariae
O was muss es die Engel gekostet haben,
nicht aufzusingen plötzlich, wie man aufweint,
da sie doch wußten: in dieser Nacht wird dem Knaben
die Mutter geboren, dem Einen, der bald erscheint.
Schwingend verschwiegen sie sich und zeigten die Richtung,
wo, allein, das Gehöft lag des Joachim,
ach, sie fühlten in sich und im Raum die reine Verdichtung,
aber es durfte keiner nieder zu ihm.
Denn die beiden waren schon so außer sich vor Getue.
Eine Nachbarin kam und klugte und wußte nicht wie,
und der Alte, vorsichtig, ging und verhielt das Gemuhe
einer dunkelen Kuh. Denn so war es noch nie.
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Maria am Abend
Mit ihren Lippen pflückte sie
des Kindes Lächeln von den seinen
und hielt es vor den Gartensteinen
auf ihrem wandermüden Knie.
Sie bat den blassen Abendstern
ihr beizustehn in solchem Freuen
und suchte Dank wie Blust zu streuen,
ein weißer Kirschenbaum des Herrn.
Sie hob den Sohn zur Brust heran
und hielt ihn doch wie fremdes Eigen
und in des Gartens Abendzweigen
der Trauer Nachtigall begann.
Ruth Schaumann (1899 - 1975)
Vom Tode Mariae I
Derselbe große Engel, welcher einst
ihr der Gebärung Botschaft niederbrachte,
stand da, abwartend dass sie ihn beachte,
und sprach: Jetzt wird es Zeit, daß du erscheinst.
Und sie erschrak wie damals und erwies
sich wieder als die Magd, ihn tief bejahend.
Er aber strahlte und, unendlich nahend,
schwand er wie in ihr Angesicht – und hieß
die weithin ausgegangenen Bekehrer
zusammenkommen in das Haus am Hang,
das Haus des Abendmahls. Sie kamen schwerer
und traten bange ein: Da lag, entlang
die schmale Bettstatt, die in Untergang
und Auserwählung rätselhaft Getauchte,
ganz unversehrt, wie eine Ungebrauchte,
und achtete auf englischen Gesang.
Nun da sie alle hinter ihren Kerzen
abwarten sah, riß sie vom Übermaß
der Stimmen sich und schenkte noch von Herzen
die beiden Kleider fort, die sie besaß,
und hob ihr Antlitz auf zu dem umd dem ...
(O Ursprung namenloser Tränen-Bäche).
Sie aber legte sich in ihre Schwäche
und zog die Himmel an Jerusalem
so nah heran, daß ihre Seele nur,
austretend, sich ein wenig strecken mußte:
schon hob er sie, der alles von ihr wußte,
hinein in ihre göttliche Natur.
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Marienlieder
I
Schilt nicht! Ich kann nicht beten,
ich will nur im Vorübergehn
an deine Stufen treten
und deine Augen sehn.
Es ist ein reines Glänzen
um deine Stirn, das mich beglückt;
ich habe sie ja mit Kränzen
als Kind so oft geschmückt.
II
Ohne Schmuck und Perlenglanz
laß mich auf die Stufen legen,
stumm erflehend deinen Segen,
meiner Jugend welken Kranz.
Kämpfe, Fahrten, Wunden viel,
ungenossene herbe Siege
ruhmlos durchgekämpfter Kriege
finden müde nun ihr Ziel.
Lüste bunt und freudefarb
senken müdgewordene Hände,
ihr Gelächter ist zu Ende,
ihre rote Flamme starb.
Sterbend, blaß und fieberwund
wollen sie, der Welt vergessen,
müd auf harte Stufen pressen
den verblühten Liebesmund.
III
Deinem Blick darf meiner nicht begegnen,
meine Seele, die so viel gelitten,
darf gebeugt nicht mehr die deine bitten:
Wolle die verlorene Schwester segnen!
Leise nur im allertiefsten Innern
will sie der gewesenen Schwesterzeiten,
der in Schmach verspielten Seligkeiten,
schweigend und mit Schmerzen sich erinnern.
Hermann Hesse (1877 - 1962)
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
doch keins von allen kann dich schildern,
wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
seitdem mir wie ein Traum verweht,
und ein unnennbar süßer Himmel
mir ewig im Gemüte steht.
Novalis (1772 - 1801)
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