Marienverehrung im Zisterzienserorden

Der Zisterzienserorden entstand in einer Zeit der Hochblüte der Marienfrömmigkeit.  Alle Zisterzienserkirchen sind Maria, der Königin des Himmels, geweiht. Hauptfest des Ordens ist der 15. August, das Fest "Mariä Aufnahme in den Himmel". In der 1245 gegründeten Cistercienserinnenabtei Lichtenthal in Baden-Baden finden sich viele Zeugnisse der Marienverehrung.

 

"Ich sehe dich in tausend Bildern,

Maria, lieblich ausgedrückt,

doch keins von allen kann dich schildern,

wie meine Seele dich erblickt.“

(Novalis)

 

In der Tat, in unserem Kloster gibt es unzählige Marienbilder und Statuen. Nimmt man die Darstellungen in Büchern, auf Postkarten und Andachtsbildchen hinzu, sind es sicher mehrere Tausend. Jeder Versuch, sie zu zählen, wäre zum Scheitern verurteilt. Was ist es um Maria, dass sie so häufig dargestellt wird? Die Gläubigen haben ihr viele Titel verliehen: Himmelskönigin, Meerstern, Arche des Neuen Bundes, Fürsprecherin, Goldene Pforte des Himmels, Morgenstern, Maienkönigin… Sie wird besungen in vielen alten und neuen Liedern: Wunderschön prächtige …, edler Rosengart …, glorwürd’ge Königin …

 

Das älteste überlieferte Mariengebet beginnt: Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, du heilige Gottesmutter… In den Nöten und Gefahren unseres Lebens finden wir Zuflucht bei der Mutter Jesu. Im Deckengemälde unseres Kapitelsaales ist das Kloster Lichtenthal mit der klösterlichen Gemeinschaft unter dem Schutzmantel der Gottesmutter dargestellt. Dies ist nicht nur ein frommer Wunsch, denn es ist schon ein einzigartiges Phänomen, wie unser Kloster die 760-jährige Geschichte mit allen Gefährdungen überstanden hat. Ohne einen besonderen himmlischen Schutz ist dies nicht zu erklären (siehe auch: Die Schlüsselmadonna von Lichtenthal).

Maria ist aber nicht nur die große Mutter, die Schutzfrau über uns. Sie ist eine von uns Frauen. Über ihr irdisches Leben ist so gut wie nichts bekannt, ihre Biographie war für die Theologen der ersten Generation ziemlich uninteressant. Was man von ihr zu wissen meint, stammt aus den apokryphen Schriften des 2. Jahrhunderts. Dennoch, das Wichtigste steht in den Evangelien: Keine spektakulären Taten, keine Ordensgründungen, keine mildtätigen Stiftungen, keine wissenschaftlichen und theologischen Arbeiten. Aber gerade das Unscheinbare, Unspektakuläre hilft uns, uns von Maria an der Hand nehmen zu lassen und von ihr zu lernen. Unser aller Leben verläuft ja in der Regel in unscheinbarer alltäglicher Pflichterfüllung, und gerade darum ist es groß.

 

In der Stille und Zurückgezogenheit ihres Lebens konnte Maria die größte Tat vollbringen, deren ein Mensch fähig ist: Sie hat Jesus, unserem Herrn und Gott, das irdische Leben geschenkt. Weil sie in der Stille ganz auf Gott bezogen war, konnte sie sich vollständig seinem Willen öffnen und dem göttlichen Boten ihr Ja-Wort geben. Sie weiß sich als allein Gott gehörend und preist seine Taten an ihr: Meine Seele preist die Größe des Herrn.

 

Im Stall von Bethlehem, nach der Geburt Jesu und der Anbetung der Hirten, sehen wir Maria als die Meditierende und Staunende. Sie bewegt alles in ihrem Herzen und kann noch nicht fassen, was ihr da nach Gottes Willen widerfuhr. Allerdings geht in ihrem weiteren Leben mit Jesus nicht alles glatt: Flucht nach Ägypten, Suche nach dem 12-jährigen Jesus im Tempel, Zurückweisung durch ihren Sohn während seines öffentlichen Lebens, Unverständnis der Verwandten usw. Sie hat wie viele Frauen und Mütter erfahren, wie schwer es ist, die Kinder eigene Wege gehen zu lassen und die Gefährdungen und das Scheitern zu akzeptieren.

Bei Maria geht das bis zum Stehen unter dem Kreuz ihres Sohnes. Wie viele Mütter erleben Krankheit und Tod ihrer Kinder, auch heute noch!

 

Ein Gedicht von Bert Brecht: „An meine Mutter“ endet so: „Sie, die Leichte, drückte die Erde kaum. Wieviel Schmerz brauchte es, bis sie so leicht war?“

 

Maria, die Gottesmutter, wie leicht ist sie geworden, durch all den Schmerz ihres Lebens?

 
Wie bei Jesus sind Schmerz und Tod auch bei Maria nicht das Letzte, sondern Durchgang. Am 15. August feiern wir Mariä Aufnahme in den Himmel, das Hochfest unseres Ordens. Jesus lässt seine Mutter nicht im Tod, er holt sie zu sich. Und auch darin ist Maria eine von uns, an ihr sehen wir, was uns noch bevorsteht: Die Vollendung in Christus.Mir helfen die vielen Bilder von Maria, mein eigenes Leben und Erleben mit Gott zu deuten. Maria hat das gelebt, was ich mir als Schwester im Zisterzienserorden wünsche, wie es ein modernes Marienlied ausdrückt:

 

Einfach zu hören, was Gott in dir spricht:

ohne zu fragen:  Soll ich es wagen?

Einfach zu hören, was Gott in dir spricht:

so war Maria, und wir sind so nicht.  

Einfach zu geben, was Gott von dir fragt: 

ohne Bedenken alles verschenken. 

Einfach zu geben, was Gott von dir fragt: 

so hat Maria zu leben gewagt.

Einfach zu handeln, wie Gott es dich heißt:

ohne viel Reden da sein für jeden.

Einfach zu handeln, wie Gott es dich heißt:

so war Maria durch Gottes Geist.

 
Sr. Maria Roswitha Goertz OCist
 
 

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