Unter deinem Schutz und Schirm - Maria als Schutzpatronin
Seit Jahrhunderten stellen sich einzelne Gläubige, Orden und geistliche Gemeinschaften, Bistümer wie die Erzdiözese Freiburg, aber auch Städte oder Länder unter den Schutz der Gottesmutter. Schon in der Antike wurde Maria als Patronin verehrt. So spricht das älteste überlieferte Mariengebet, dessen Textkern in das 3./4. Jh. zurückreicht, die Gottesmutter als Schutzherrin an:
Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, o heilige Gottesgebärerin;
verschmähe nicht unser Gebet in unseren Nöten,
sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren.
O du glorreiche und gebenedeite Jungfrau,
unsere Frau, unsere Mittlerin,
unsere Fürsprecherin.
Versöhne uns mit deinem Sohne,
empfiehl uns deinem Sohne,
stelle uns deinem Sohne vor.
Im profanen Bereich war im römischen Reich der Patron vor Gericht Vertreter derjenigen Menschen, die von ihm abhängig waren. Zwischen dem Patron und seinen Schutzbefohlenen bestand ein wechselseitiges Treueverhältnis. Im 3./4. Jh. wurde diese Vorstellung im Christentum zunächst auf Märtyrer, dann auf alle Heilige und insbesondere auf Maria übertragen. Vor allem im Osten wurde die Gottesmutter als Beschützerin der Christenheit angerufen. Im kaiserlichen Konstatinopel, wo Kleid und Schleier als Marienreliquien verehrt wurden, schrieb man die Abwehr feindlicher Belagerungen dem Schutz der Gottesmutter zu. Nach einer Legende rettete Maria mit ihrem Umhang einen jüdischen Knaben vor dem sicheren Feuertod.
Diese Legende macht das Motiv des Schutzmantels als sinnenfälliges Zeichen des Patronats Mariens auch im Westen populär. Über die praktische Bedeutung als Kleidungsstück hinaus hat der Mantel in vielen Kulturkreisen seit jeher symbolische Bedeutung. Bei Königen und Königinnen ist er Zeichen der Herrschaft und Würde. Außerdem symbolisiert er Schutz und Geborgenheit.
Beide Bedeutungen vereinen sich im Motiv der Schutzmantelmadonna, das seit dem 13./14. Jh. in der abendländischen Kunst weit verbreitet ist. Das um 1330 / 1340 entstandene Tulenhauptfenster im Freiburger Münster zeigt Maria als bekrönte und mit einem Heiligenschein umgebene Himmelskönigin. Um die aufrechte und schlanke Gestalt drängt sich eine Schar von Gläubigen, Männer und Frauen, in andächtiger Gebetshaltung. Maria breitet ihren kostbaren roten Mantel um ihre Verehrer aus. Der Rahmen, eine goldfarbene gotische Strebewerksarchitektur, verortet die Szene in einer mehrschiffigen Basilika. Damit ist nicht nur der Ort der Marienverehrung bezeichnet, sondern zugleich auch Maria als Sinnbild der Kirche angedeutet.
Der knapp 200 Jahre später entstandene Schnitzaltar der Lochererkapelle im Chorumgang des Freiburger Münsters greift das Schutzmantelmotiv auf. Der Lindenholz-Altar des Künstlers Sixt von Staufen gehört zu den Meisterwerken der Kathedrale. In seinem Buch "Schöne Frauen des Freiburger Münsters" beschreibt Wolfgang Hug das Bild : "Maria, eine bildschöne junge Frau, hält das Jesuskind hoch vor ihrer Brust. Es zappelt, und sie muss sein linkes Füßchen mit der Hand festhalten... Der schier grenzenlos weite Mantel wird von Engeln gehalten, aber manche von ihnen turnen auf seiner oberen Kante herum. Das liebliche Jesuskind wendet seinen freundlichen Blick den Menschen zu, die sich unter Marias Schutzmantel drängen. Geistliche und weltliche Stände sind getrennt: Auf der einen Seite (von Maria aus rechts) knien ein Papst, ein Kardinal, Erzbischof, Abt und Bischof, Mönche und Nonnen. Auf der anderen Seite sieht man einen König und einen Kurfürst, Adelige und Büger, Handwerker und Bauern, Männer und Frauen, auch arme Leute: Vertreter der ganzen Menschheit eben. Maria steht, wie es in einer Deutung des Altars heißt, mit den Füßen auf der gleichen Erde wie die schutzbedürftigen Christen. Ihre Seele aber weilt indes mit ihrem Sohn im Himmel. Indem sie ihre mütterliche Liebe dem Gottessohn schenkt, kann sie zugleich allen Menschen ihren Schutz bieten und sie von Angst und Verzweiflung befreien."
Zur Verbreitung des Schutzmantelmotivs in der Marienverehrung trug auch ein mittelalterlicher Rechtsbrauch bei: Die Bedeckung mit dem Mantel symbolisierte bei der Adoption von Kindern das neu entstandene Schutzverhältnis. Außerdem konnten schwangere Frauen sowie Jungfrauen Verfolgten, die unter ihrem Mantel Schutz suchten, Asyl gewähren: Unter dem Schutzmantel erging Gnade vor Recht. Diese Bräuche wurden auf die Gottesmutter übertragen, zumal sich die Gläubigen in Auslegung des Johannesevangeliums als angenommene Kinder Maria verstehen konnten: Der namentlich nicht genannte Jünger, dem Christus unter dem Kreuz Maria als Mutter anvertraut (Joh 19, 26f), vertritt als Idealtypus ("der Jünger, den Jesus liebte") die gesamte Christenheit.
Ein "Instanzenweg" der Fürbitte - wir wenden uns bittend an Maria, sie tritt für uns bei ihrem Sohne ein - mag uns heute fremd und vielleicht auch theologisch fragwürdig erscheinen: Können wir uns im Gebet nicht unmittelbar an Gott wenden? Ist nicht Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch (vgl. 1 Tim 2,5-6)? Das 2. Vatikanische Konzil erklärt dazu in seiner Konstitution Lumen Gentium (Kap. VIII):
"In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie (= Maria) Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefahren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen. Deshalb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Fürsprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen. Das aber ist so zu verstehen, daß es der Würde und Wirksamkeit Christi, des einzigen Mittlers, nichts abträgt und nichts hinzufügt."
Die Kirche ist - modern formuliert - eine Solidargemeinschaft, die nicht mit dem Tod des Einzelnen endet. Sie besteht aus dem "pilgernden Gottesvolk" auf Erden und denen, die ihren irdischen Weg bereits beendet haben. Wie wir in jeder Eucharistiefeier füreinander und für die Verstorbenen beten, so hoffen wir auf die Fürsprache der Heiligen und insbesondere der Gottesmutter, die ihren Lebensweg vollendet haben und in die Herrlichkeit Gottes eingegangen sind.
So können wir auch heute das während des 30-jährigen Krieges in Innsbruck entstandene Lied singen, das in der Zeit der Kriegswirren das Schutzmantelmotiv aufgreift (GL 534):
Maria breit den Mantel aus,
mach Schirm und Schild für uns daraus,
lass uns darunter sicher stehn,
bis alle Stürm vorüber gehn.
Patronin voller Güte
uns alle Zeit behüte
Dein Mantel ist sehr weit und breit,
er deckt die ganze Christenheit,
er deckt die weite, weite Welt,
ist aller Zuflucht und Gezelt.
Patronin voller Güte
uns alle Zeit behüte
Oh Mutter der Barmherzigkeit
den Mantel über uns ausbreit,
uns all darunter wohl bewahr
zu jeder Zeit in aller G'fahr
Patronin voller Güte
uns alle Zeit behüte
Dr. Norbert Kebekus
Fotos: Freiburger Münsterbauverein (Sandsteinstatue und Tulenhauptfenster), Christoph Hoppe (Lochererkapelle), Kath. Pfarramt St. Fides, Grafenhausen
