Vom Sinn der Marienweihe
Im ersten vollständigen Mariengebet, das auf einem Papyrus aus dem Ende des dritten Jahrhunderts in Oberägypten gefunden wurde, vertraut sich ein Christ der Gottesmutter an: "Unter Deinem Schutz und Schirm…" Dieses Gebet zeigt, dass Maria seit frühester Zeit nicht nur als Vorbild gilt, sondern als eine Mutter, der man sich anvertrauen kann und von der ein Schutz ausgeht.
Bald kommt eine weitere Erfahrung dazu. Im vierten Jahrhundert gibt es in der jungen Christenheit ganz erhebliche Auseinandersetzungen um die Frage, wie man auslegen und verstehen muss, dass Jesus Gott und Mensch zugleich ist. Auf dem Konzil von Ephesus wurde für die junge Kirche klar und eindeutig: Maria hat Jesus so geboren, dass er in der Geburt bereits Gott und Mensch war. Sie ist im Ernst Gottesgebärerin. Der Glaube an die Gottesmutterschaft Mariens wird zur großen Gewissheit, richtig an Jesus zu glauben. So ist von Anfang an die Verehrung dieser Mutter nicht eine Konkurrenz zu Jesus, sondern gerade eine Hilfe, im Ernst an Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch zu glauben.
Die Entscheidung des Konzils von Ephesus und die Freude an diesem Glauben führten dazu, dass man überall beginnt Kirchen zu bauen, die den Namen der Gottesmutter tragen. Maria wird zur Patronin vieler Kirchen in Ost und West. Wo man Eucharistie feiert, wo man christlich glauben und Jesus nachfolgen will, baut man Marienkirchen. Marienverehrung ist nicht der zusätzliche Maialtar. Marienverehrung zielt auf ein Christsein mit Maria.
Es gehört zum Lebenswissen der Christen über Jahrhunderte, dass Maria eine hilfreiche Rolle für die Christusnachfolge spielt. Dies zeigt sich an ganz vielen Kirchen und Gründungen, die Maria geweiht sind und an vielen Heiligen, die ihre Entscheidung für Christus ihr anvertraut haben. Als Beispiel sei der Gründer der Jesuiten, Ignatius von Loyola, genannt, der mit seinem Leben und seiner Gründung ganz für die Christusnachfolge steht. Als Ignatius nach der Zeit der Einsamkeit in Manresa seine Bekehrung und Entscheidung für Christus endgültig machen will, bricht er auf zum Marienheiligtum auf dem Monserat. Er verbringt die Nacht zum Fest Mariae Verkündigung in Bettlerkleidung und mit einem Pilgerstab in der Hand vor der schwarzen Madonna vom Monserat. Er hängt seinen Degen an ihr Bild und beginnt so sein neues Leben vor der Mutter des Herrn.
Ein paar Jahre später empfängt Ignatius die Priesterweihe. Doch er traut sich nicht, die Heilige Messe zu feiern. Aus der Sorge, unwürdig zu sein, schiebt er seine Primiz auf. Er fängt an, zu seiner "Herrin" zu beten, dass sie ihn Christus "zugeselle". Tag für Tag über Monate ist dies immer wieder seine Bitte. Auf einer Pilgerschaft nach Rom in der kleinen Kapelle von La Storta bekommt Ignatius die Gewissheit geschenkt, Christus zugesellt zu sein! Die Bitte an die Mutter Gottes ist erhört, der Vater hat ihn Christus zugesellt. Sie ziehen weiter nach Rom und dort feiert er in Maria Maggiore seine erste Heilige Messe. Bald danach nimmt er aus der Hand seiner ersten Gefährten vor dem Kreuz und dem uralten Marienbild in der Seitenkapelle von Sankt Paul vor den Mauern die ersten Gelübde seiner Gefährten entgegen.
Das ist die Lebenserfahrung und das Lebenswissen der Christen und der Heiligen. Wenn Maria ins Spiel kommt, fängt der Glaube an und wächst die Beziehung zu Christus. Aus diesem Lebenswissen lebt die Marienweihe, die gerade in der Schule der Jesuiten und in ihren großen Marianischen Kongregationen über Jahrhunderte gepflegt und weitergegeben wird. Das wohl bekannteste Gebet einer Marienweihe stammt aus der Feder eines Jesuiten: P. Nicolà Zucchi SJ. In der Sprache der Liebe und des Vertrauen übereignet sich der Beter oder die Beterin Maria. "O meine Gebieterin, o meine Mutter. Dir bringe ich mich ganz dar; und um dir meine Hingabe zu bezeigen, weihe ich dir heute meine Augen, meine Ohren, meinen Mund, mein Herz, mich selber ganz und gar. Weil ich also dir gehöre, o gute Mutter, so bewahre mich, beschütze mich, als dein Gut und dein Eigentum. Amen." Wir sind eingeladen, uns dieses Gebet zu eigen zu machen. Ich bete es mit vielen Christen jeden Tag.
Dr. Peter Wolf
