Warum Marienwallfahrten?

Immer wieder einmal wird einem als Pfarrer die Frage gestellt: Warum ist Maria so hervorgehoben, warum gibt es so viele Marienwallfahrtsorte? Die vielen kleinen und großen Marienwallfahrtsorte wären gewiss nicht entstanden, wenn Maria nicht so tief im Bewusstsein des christlichen Volkes beheimatet gewesen wäre. Die Gläubigen haben bei Maria Zuflucht gesucht mit ihren kleinen und großen Nöten, sind zu ihr gekommen wie Kinder zur Mutter, haben sich ihr anvertraut mit ihren Freuden und Schicksalsschlägen.

 

Das, was schon im biblischen Glauben seine Wurzel hat, dass bei der Hochzeit zu Kana Maria die Bitten der einfachen Menschen zu Christus trägt, dass unter dem Kreuz in Johannes der ganzen Kirche Maria als Mutter geschenkt worden ist, das hat sich im Zutrauen der Gläubigen zu Maria durch viele Perioden der Kirchengeschichte fortgesetzt. So war es eine logische Folge, dass als Dank für Gebetserhörungen oft aus einem Bildstock eine Kapelle wurde und aus einer Kapelle ein großes Wallfahrtsheiligtum. Die meisten Marienwallfahrtsorte sind im Grunde kleine Denkmale der Dankbarkeit von einzelnen Gläubigen, weil "Maria geholfen hat".

 

Der gläubige Mensch sieht in seinem Leben immer wieder Gott am Werk – oftmals freilich still und leise und vermittelt durch andere Menschen. Da die Gnade Gottes aber in Zeit und Raum hineinwirkt, ist es ganz selbstverständlich, dass sich diese Gnade zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten auch verdichten kann. So sind oft unsere Wallfahrtsorte eben Orte, an denen häufiger und stärker die Gnade Gottes in der Welt erfahren werden konnte, weshalb immer wieder Menschen dorthin aufgebrochen sind. Oft genug haben die Gläubigen "ihre" Wallfahrtsorte gegen die kirchlichen und staatlichen Autoritäten verteidigen müssen: Denken wir nur an Maria Lindenberg bei St. Peter / Schwarzwald, wo im Zeitalter des Josephinismus der Abriss der Kapelle verfügt wurde - mit Billigung des Konstanzer Bischofs - und wo das gläubige Volk nicht aufgehört hat, zu den Resten der Kapelle hinzupilgern, bis ein Neubau genehmigt worden ist.

 

Wallfahrt heißt also: Sich aufmachen zu einem Gnadenort, zu einem Ort, wo andere Menschen vor mir die Gnade Gottes erfahren haben, und Marienwallfahrt heißt dann zugleich, sich an diesem Ort unter den mütterlichen Schutz Mariens stellen. Wallfahrtsorte sind dann zugleich Orte der Gemeinschaft, weil ich dort singende und betende pilgernde Kirche erleben darf, und oft auch Orte der Umkehr, weil das Bußsakrament eine zentrale Stellung einnimmt, wenn wir neue Menschen werden wollen. Und wenn es dann gilt heimzukehren vom Wallfahrtsort, ohne dass mir ein "Wunder" geschehen ist, darf ich vielleicht auch die Erfahrung jenes Lourdes-Pilgers machen, der einmal gesagt hat, das größte Wunder sei schon geschehen, denn er habe gelernt, mit seiner Krankheit und Not zu leben…

 

Offizial Michael Hauser