Marienaltar in (Titisee-)Neustadt

Das 1897 - 1901 erbaute Münster St. Jakobus in (Titisee-)Neustadt beherbergt ein Kleinod: den Marienaltar im linken Seitenschiff. 1903 als äußert gelungene Nachbildung des Riemenschneideraltares in Creglingen aufgestellt, macht er deutlich, wie lebendig die Umsetzung gotischer Vorbilder in der Neugotik gelingen konnte. Der Neustädter Marienaltar ist im Gegensatz zu seinem Vorbild farbig gefasst. Gelungen den Neustädter Raumverhältnissen einkomponiert, zieht er den Betrachter an, ohne sich hervorzudrängen.

Das feine, gekröpfte Schnitzwerk im oberen Teil läßt den Altar leicht und anmutig erscheinen. Durch die zarte Schnitzarbeit hindurch wird die Lichtfülle des offenen Seitenchores erahnbar. Diese feine Neustädter Arbeit macht deutlich, dass sich die Neugotik vom Kunsthandwerklichen, durchaus mit ihrem Vorbild, der Gotik, messen kann.

Als Bekrönung des gesamten Aufbaues erscheint inmitten der feinen Schnitzarbeiten Maria mit dem Jesuskind, begleitet von musizierenden Engeln. Im Mittelteil des Altares ist als beherrschende Szene die Himmelfahrt und Krönung der Gottesmutter dargestellt, eine Szene von eindrucksvoller Größe, vor allem am Abend, wenn die untergehende Sonne das Gewand Mariens streift. Drei Engel mit wallenden, spätgotischen Gewändern tragen Maria, die, auf einer stilisierten Weltkugel thronend, in Demut betend und den Betrachter sanft anblickend, von der göttlichen Dreifaltigkeit in den Himmel aufgenommen wird. In der irdischen Sphäre, die durch ein angedeutetes Kircheninneres mit spitzbogigen Fenstern und Kreuzrippengewölbe kenntlich gemacht wird, knien die betenden Jünger Jesu und verfolgen das Schauspiel. Der Leib Mariens durchstößt das fein verzierte Bogensegment, das die Trennlinie zwischen irdischer und himmlischer Sphäre bildet. Auf diesem Bogensegment thronen rechter Hand Gottvater mit der Weltkugel in Händen und linker Hand Christus, der das Szepter hält. In ihren Händen halten sie die Krone, die sie Maria aufsetzen werden. Über dem Ganzen schwebt die Taube im Strahlenkranz als Symbol des heiligen Geistes.

Die kunstvoll gearbeiteten Seitenreliefs führen in die Kindheitsgeschichte Jesu und damit in die Geschichte seiner Mutter Maria zurück. Die einzelnen Szenen laden zum Verweilen und genauen Betrachten ein, so etwa die gut komponierte Verkündigung am linken, sowie die Geburt Christi am rechten Altarflügel.

 

Die beiden durchbrochenen Türen rechts und links von Altarmensa und Predella lassen selbst im unteren Teil des Altares den dahinterliegenden Seitenchor ahnen. Lenkt man seine Schritte dorthin, so liest man an der Rückwand des Marienaltares, dass die Frauen von Neustadt dieses wunderschöne Altarwerk gestiftet haben:

 

"Dieses Altarwerk wurde von den Frauen und Jungfrauen von Neustadt besonders von Fräulein Theresia Blessing gestiftet und im Juli 1903 aufgestellt. Abgeänderte Kopie des Marienaltares Creglingen. Bildhauerarbeiten v. J. Dettlinger, Malerei und Vergold. C. Schilling, Entwurf v. Baudirektor M. Meckel Freiburg."

 

Dass der Architekt und Baudirektor Meckel sich auch mit den filigranen Entwürfen zum Marienaltar beschäftigte, zeigt die ganze Breite seines Schaffens gemäß damaligem Selbstverständnis. In diesem Seitenchor ist darüber hinaus eine bemerkenswerte Figurengruppe aus dem Bestand der alten Kirche untergebracht - ein lebensgroßes Holzkruzifix, gerahmt von den Figuren der Maria und des Johannes. Diese stimmungsvolle Assistenzgruppe an diesem etwas ruhigen, verschwiegenen Ort im großen und weitläufigen Münster von Neustadt lädt zum Nachdenken und Beten ein.

 

Text: Gabriele Greindl-Wagner

(entnommen aus dem Peda-Kunstführer über das Münster St. Jakobus in Neustadt, hg. vom Kath. Pfarramt St. Jakobu, Neustadt)

Fotos: Karl-Heinz Siemes

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