Thomas Geiselhart
- geboren am 17. Februar 1811 in Steinhilben bei Trochtelfingen
- gestorben am 16. Juni 1891 in Sigmaringen
Thomas Geiselhart gehört in eine ganze Reihe von Seelsorgern, die im 19. Jahrhundert versucht haben, die sozialen Verhältnisse aus einem christlichen Geist heraus zu verändern.
Sein Vater ist ein armer Tagelöhner, die Mutter Hebamme und Krankenpflegerin. Schon als Kind muss Geiselhart kräftig mitarbeiten, bei Landwirten helfen oder in der heimischen Stube das Spinnrad drehen. Dennoch gehört er in der Schule zu den Besten und so ermöglicht ihm Kaplan Josef Itta den Besuch des Gymnasiums in Konstanz. Weil die finanziellen Mittel nicht ausreichen, ist Geiselhart darauf angewiesen, von wohlhabenden Familien durchgefüttert zu werden oder im Abfallkübel Essensreste zu finden. Durch einen Mitschüler lernt er Hermann von Vicari kennen, der ihm von da ein väterlicher Freund wird. Als Vicari noch im selben Jahr ins Domkapitel nach Freiburg berufen wird, versorgt er zunächst die beiden Gymnasialstudenten.
Frei von finanziellen Sorgen kann Geiselhart jetzt seine Schulzeit in Konstanz erfolgreich beenden und Theologie studieren. 1837 wird er zum Priester geweiht und als Seelsorger in Hohenzollern eingesetzt. Zum Schlüsselerlebnis gerät für Geiselhart ein Vorfall während seiner Zeit als Vikar in Empfingen. 1839 kann er ein 13-jähriges Mädchen durch eine engagierte Trauerrede am Grab der Mutter in ein langfristiges Obhutverhältnis vermitteln und so vor einem Bettlerleben auf der Straße bewahren.
1850 erfolgt seine Versetzung nach Sigmaringen, wo er bis zu seinem Tod immer wieder als Pfarrverweser arbeitet, und es beginnen die Jahre seiner größten Wirksamkeit. So gründet er verschiedene katholische Vereine wie den Elisabethenverein (heute: Caritas-Konferenzen) oder den Krankenverein für Gesellen und Dienstboten und bemüht sich um die Ansiedlung von Orden in Hohenzollern, unter anderem der Benediktiner in Beuron.
Am 10. Juni 1855 wird das Geburtshaus des heiligen Fidelis in Sigmaringen zwangsversteigert. Geiselhart kauft es für rund 8000 Gulden und kann endlich einen lang gehegten Plan verwirklichen. Der Geistliche hat nicht vergessen, mit welcher Not und Unsicherheit Schüler konfrontiert sind, wenn sie vom Land auf ein Gymnasium in der Stadt wechseln. Schon im Herbst 1856 zieht Geiselhart mit 11 Jungen in das Knabenseminar St. Fidelishaus ein. Im Frühjahr 1864 kauft er ein weiteres Haus in Konstanz, um nach gleichem Vorbild das St. Konradihaus zu gründen. Pfarrer Heinrich Hansjakob erzählt, wie Geiselhart unermüdlich durchs badische Oberland zieht und erfolgreich Spendengelder für seine Zöglinge sammelt.
Am stärksten mit der Person des Geistlichen ist jedoch die Gründung eines Hohenzollerischen Waisenheimes verbunden, das später den Namen 'Haus Nazareth' erhält. Thomas Geiselhart bringt seine ganze Erfahrung als Seelsorger, Stiftungsgründer und Spendensammler ein und unterstützt das Haus bis zu seinem Tod.
Zur damaligen Zeit ist es üblich, elternlose Kinder im Rahmen einer "Versteigerung" bei Familien in Pflege zu geben, die dafür möglichst wenig finanzielle Unterstützung von der politischen Gemeinde gefordert haben. Entsprechend schlecht sind die Waisen nach dieser Versteigerung in der Regel versorgt worden, und das Schicksal dieser Kinder erschüttert den Seelsorger.
1859 gründet Thomas Geiselhart ein erstes Waisenheim in Sigmaringen. Zwei Jahre später kauft er ein landwirtschaftliches Anwesen, das den Kern für das Haus Nazareth bildet. Seit dem 01. Juli 1863 wird er von zwei Pflege- und einer Lernschwester aus dem Kloster Ingenbohl in der Schweiz unterstützt, so dass die 60 Schüler unterrichtet werden können. Im Folgejahr nimmt Erzbischof Hermann von Vicari das Haus unter kirchlichen Schutz.
Schnell steigt der Bedarf, weil es nach dem Deutschen Krieg von 1866 zwischen Preußen und Österreich auch in Hohenzollern immer mehr Waisenkinder gibt. Mit der Unterstützung des Fürstenhauses Hohenzollern, des preußischen Königs und vieler Wohltäter aus der Bevölkerung kann ein Neubau realisiert werden. Doch schon wenige Jahre später bringen der Kulturkampf und die antikirchlichen Maigesetze das Heim an den Rand des Ruins. Die Mitarbeit der Schwestern wird von der Regierung verboten, da nur noch Orden zugelassen sind, die sich der Krankenpflege widmen. Mit den Schwestern geht jedoch auch die finanzielle Unterstützung durch das Kloster Ingenbohl verloren.
Eine Wende bringt erst die Goldene Hochzeit von Kaiser Wilhelm I. und seiner Gemahlin Augusta 1879, weil das Deutsche Reich bei diesem Anlass zur Gründung mildtätiger Anstalten aufruft. Für das Haus Nazareth kann Geiselhart innerhalb kurzer Zeit mehr als
30 000 Mark sammeln, und Fürst Karl Anton gibt noch einmal 30 000 Mark dazu.
Thomas Geiselhart arbeitet unermüdlich für den Erhalt seiner Gründungen und als Seelsorger in Sigmaringen, ohne dabei auf seine Gesundheit zu achten. 1885 zieht sich der mittlerweile 74-jährige in das Waisenhaus zurück und verbringt die letzten Jahre als 'geistlicher Ziehvater, Zahlmeister und Bettler in Nazareth', wie er in seinem Tagebuch festhält.
Am 16. Juni 1891 stirbt Thomas Geiselhart nach einer schweren Krankheit. Augenzeugen berichten von einer Trauerfeier wie für einen Fürsten, und Zeitgenossen bezeichnen ihn als Apostel der christlichen Nächstenliebe.
1896 dürfen auch die Ingenbohler Kreuzschwestern zurückkehren, und das Waisenheim kann kontinuierlich erweitert werden. Heute ist das 'Erzbischöfliche Kinderheim Haus Nazareth' ein modernes, soziales Dienstleistungsunternehmen mit zahlreichen Hilfeangeboten in den Landkreisen Sigmaringen und Zollernalb.


