Kirche auf der Straße
28.05.2025 |
Innovative Formen des Glaubenslebens begeistern bei einzigartiger Freiburger Veranstaltung
Wie kann Kirche heute mitten im Leben und in der Stadt bei den Menschen sein? Dieser Frage gingen rund 80 engagierte Christinnen und Christen bei einer außergewöhnlichen Veranstaltung nach, die am vergangenen Samstag in der Gemeinde Dreisam3 in Freiburg stattfand. Unter dem Motto „Raus!“ trafen sich Teilnehmende aus verschiedenen Konfessionen, um neue Ausdrucksformen von Kirche zu erleben und miteinander ins Gespräch zu kommen.
„Ich bin beeindruckt, wie viele engagierte Menschen hier zusammengekommen sind“, sagte Pfarrerin Anne Lepper zu Beginn, zuständig für neue Aufbrüche in der evangelischen Landeskirche. „Die Vielfalt und Kreativität der Initiativen zeigen, dass Kirche lebendig ist und in Bewegung bleibt.“ Carla Böhnstedt aus Berlin, engagiert im ökumenischen Netzwerk Citykirchen-Projekte, beschrieb diesen Trend mit klaren Worten: „Wir nehmen seit einigen Jahren wahr, dass es immer mehr mobile Initiativen in Kirche gibt: Pop-Up-Aktionen, Segenstankstellen, Schäferwagenkirchen und christliche Coffee-Bikes. Engagierte Christinnen setzen um, was wir schon lange wissen: Kirche will bei den Menschen sein. Sie muss barrierefrei sein – gerade für Leute, die kaum mehr Bezug zur christlichen Botschaft haben.“
Innovative Ideen für eine Kirche mitten im Leben
Einen theologischen Impuls lieferte Prof. Dr. Michael Schüßler von der Universität Tübingen. Er plädierte für ein verändertes Selbstverständnis kirchlicher Präsenz: „Gott hat nicht die Kirche oder den Glauben oder die Religion erschaffen, sondern die ganze Welt.“ Kirche entstehe im Moment ehrlicher Begegnung – überall dort, wo Menschen sich auf das Leben einlassen, verletzlich bleiben und sich vom Evangelium überraschen lassen.
Wie sich solche Begegnungen konkret gestalten lassen, zeigte im Anschluss Michel Malcin, ehemaliger Pastor und Gründer des mobilen Caféprojekts Doppellecker. Mit seinem umgebauten Doppeldeckerbus sucht er Begegnungen an ungewöhnlichen Orten. „Beim gemeinsamen Kaffee und Zuhören öffnet sich manchmal der Himmel – ganz unverhofft“, schilderte Malcin. Für ihn zeigt sich Gottes Gegenwart oft genau dort, wo nichts geplant ist, aber echte Aufmerksamkeit geschieht.
Begegnung auf Augenhöhe – Kirche im öffentlichen Raum
Die Nachmittags-Workshops führten die Teilnehmenden in die Freiburger Innenstadt: Ob Segenstankstelle in der Schäferwagenkirche im Stadtpark, das Spielmobil mit biblischen Geschichten für Kinder und Familien auf dem Spielplatz, das Lastenrad Sancta Carla auf der Blauen Brücke oder die mobile Küche des Jugendpastoralen Teams – überall kam es zu Begegnungen mit Passanten. „Nicht drüber reden, sondern rausgehen und die eigene Komfortzone verlassen – das war eine Idee unserer Workshops“, sagte Diakon Göran Schmidt, evangelischer Referent für neue Formen von Kirche. Norbert Aufrecht, theologischer Vorstand der Evangelischen Stadtmission Freiburg ergänzt: „Es braucht nicht gleich ein Church-Bike oder eine mobile Kirche, um zu beginnen. Die Mobilität muss in Herz und Kopf beginnen. Letztlich geht es darum, dass wir uns zu den Menschen senden lassen, die von sich aus keinen Fuß in eine Kirche setzen."
Abschluss im Brennpunkt
Den Abschluss bildete eine Versammlung im Stühlinger Park – einem sozialen Brennpunkt Freiburgs. Dort kocht Nathan Thurow als Christ mit seinem New Heart Projekt seit neun Jahren regelmäßig Suppe für Bedürftige. Für Tobias Aldinger, Referent für Glaubenskommunikation in der Erzdiözese Freiburg, liegt in dieser Offenheit eine große Chance: „Wenn uns als Kirche der Raum nicht gehört und wir wie alle anderen im öffentlichen Raum zu Gast sind, dann öffnen sich Räume für eine Begegnung auf Augenhöhe.“
Auch ganz praktische Erkenntnisse nahmen viele mit: „Die Gefährten sind wichtiger als die Gefährte“, fasste der katholische Pfarrer Michael Teipel aus Konstanz zusammen. „Wer eine neue christliche Initiative starten will, braucht Verbündete, die sich ihrer Motivation bewusst sind und auch Durchhaltevermögen besitzen.“ Ines Reuss, Theologiestudentin an der KH Freiburg, fasste für sich ihr persönliches Highlight so zusammen: „Für mich war es motivierend, Kirche ganz anders und vielfältig zu erleben und am Tag selbst gleich auszuprobieren, wie sich eine Initiative im öffentlichen Raum anfühlt.“
Was bleibt, ist die Erkenntnis: Kirche muss nicht immer im Gebäude stattfinden. Sie findet dort statt, wo Menschen sich und Gott begegnen – auf der Straße, im Park, am Kochtopf oder am Lastenrad. Und sie lebt von denen, die sich trauen, neue Wege zu gehen.
Diese mobilen Initiativen waren dabei: Schäferwagen-Kirche Hinterzarten, Mobile Küche Jugendpastorales Team, New Heart Projekt, Sancta Carla in Villingen, NimBus in Karlsruhe mit Spielmobil, Doppellecker-Bus, Kirche auf dem Markt Weingarten, AnsprechbarMobil Böblingen, ChurchBike, Zeitwägele Bisingen, Dreamliner Waldshut, Cafe und Gottvertrauen.
Die Veranstaltung war unter anderem Teil der Woche „Lust auf Zukunft“ der Erzdiözese Freiburg und wurde vom Hunderfüßer Programm der Diözesanstelle Schöpfung und Umwelt der Erzdiözese Freiburg und vom Büro für Energie und Umwelt der ev. Landeskirche Badens gefördert.
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