
gestorben 31. August 1995 in Freiburg
Botschafterin der Menschheit und Gerechte unter den Völkern
Die bedeutendste Leistung von Gertrud Luckner ist sicherlich die Hilfe, die sie während des Dritten Reiches in Deutschland für Juden geleistet hat. Dank ihrer internationalen Kontakte rettet sie viele Menschen und unterstützt unzählige Deportierte.
Als Jane Hartmann 1900 in Liverpool geboren kommt Gertrud Luckner im Alter von sieben Jahren mit ihren Pflegeeltern nach Deutschland und studiert nach ihrer Schulzeit Volkswirtschaft in Königsberg, Frankfurt, Birmingham und Freiburg. Nach dem frühen Tod der Adoptiveltern übersiedelt sie nach Freiburg und konvertiert 1934 zur katholischen Kirche, nachdem sie zuvor der religiösen Gesellschaft der Freunde, den Quäkern, angehört hat. Trotzdem bleibt sie dieser Gemeinschaft zeitlebens freundschaftlich verbunden. Unmittelbar nach der so genannten 'Machtergreifung' durch die Nationalsozialisten 1933 vermittelt die engagierte Pazifistin Ausreisemöglichkeiten für Juden und wird freie Mitarbeiterin beim Deutschen Caritasverband. Unter dem Schutz von Caritaspräsident Benedikt Kreutz kann sie ihre Tätigkeit ausweiten.

Nach den Novemberpogromen 1938 beginnt die frisch Promovierte mit ihrer organisierten Hilfe und wird hauptamtlich bei der Caritas angestellt. Sie verteilt Adressen, unter denen sich Juden verstecken können, rettet Vermögenswerte und hilft bei der Flucht ins Ausland. Ab September 1939 arbeitet sie für die kirchliche Kriegshilfe beim Caritasverband, kümmert sich um Fremdarbeiter oder Gefangene und verschickt Pakete mit Lebensmitteln und Kleidung an Internierte und Deportierte.

Im Dezember 1941 bekommt Gertrud Luckner eine Spezialvollmacht des Freiburger Erzbischofs Conrad Gröber, der sie mit Aufgaben in der außerordentlichen Seelsorge für so genannte 'nichtarische Katholiken' beauftragt. Ständig auf Reisen pflegt die Caritas-Mitarbeiterin zahlreiche Kontakte im gesamten Reichsgebiet und vermittelt finanzielle Unterstützungen an Einzelpersonen und jüdische Kultusgemeinden.
Zunächst kann sich Gertrud Luckner durch konspiratives Arbeiten der Kontrolle durch die Geheime Staatspolizei entziehen, obwohl ihr Postverkehr bereits seit 1933 überwacht wird. Deshalb wirbt die Gestapo Informanten unter kirchlichen Mitarbeitern an und kann Luckner ab Januar 1943 auf Schritt und Tritt observieren. Am 24. März 1943 wird sie als 'katholische Aktivistin und fanatische Gegnerin des Nationalsozialismus' auf Weisung aus dem Reichssicherheitshauptamt im D-Zug auf der Fahrt von Freiburg nach Berlin verhaftet. Ihr Auftrag ist es gewesen, einen Seelsorger in einen Transport für das Konzentrationslager Theresienstadt zu schleusen.
Nach neun-wöchigen Verhören an verschiedenen Gestapostandorten kommt sie als politische Gefangene zur so genannten 'Schutzhaft', das heißt ohne gerichtliches Verfahren, ins KZ Ravensbrück. Ihr Überleben verdankt sie Freunden, die regelmäßig Pakete schicken und das Leben ein wenig erleichtern.
Sofort nach ihrer Befreiung durch die Rote Armee am 03. Mai 1945 kehrt Gertrud Luckner nach Freiburg zurück und beginnt als 45-jährige einen neuen Lebensabschnitt. Sie baut die Abteilung Verfolgtenfürsorge beim Deutschen Caritasverband auf und sorgt dafür, dass KZ-Überlebende eine kleine Entschädigung erhalten. Unermüdlich widmet sich Gertrud Luckner dem jüdisch-christlichen Dialog und gibt 1948 den ersten 'Freiburger Rundbrief' heraus, eine Zeitschrift zum besseren Verstehen von Juden und Christen. Drei Jahre später wird sie als erste deutsche Katholikin vom jungen Staat Israel eingeladen, der sich zu einer zweiten Heimat entwickelt. Bis zu ihrem Tod am 31. August 1995 erhält Gertrud Luckner für ihren beispiellosen Mut und ihr engagiertes Handeln zahlreiche Ehrungen. Unter anderem zeichnet sie der Staat Israel 1966 in Yad Vashem mit dem Titel 'Gerechte unter den Völkern' aus.
Im Oktober 2006 hat der Deutsche Caritasverband erstmals den Gertrud-Luckner-Preis zur Förderung der Wissenschaft in der Sozialen Arbeit vergeben. Künftig soll damit alle zwei Jahre eine herausragende Abschlussarbeit aus Universitäten oder Fachhochschulen ausgezeichnet werden. Die einzigartige Lebensleistung von Gertrud Luckner würdigen im Frühjahr 2007 die Leserinnen und Leser der Badischen Zeitung, die sie zur bedeutendsten Freiburgerin aller Zeiten wählen.
Buchtipps
- Hans-Josef Wollasch, Betrifft: Nachrichtenzentrale des Erzbischofs Gröber in Freiburg – Die Ermittlungsakten der Geheimen Staatspolizei gegen Gertrud Luckner 1942 - 1944, UVK, 1999, ISBN 3-87940-627-8
- Hans-Josef Wollasch, Gertrud Luckner – Botschafterin der Menschlichkeit, Verlag Herder, 2005, ISBN 978-3-451-26085-8
- Wolfram Wette, Stille Helden. Judenretter im Dreiländereck während des Zweiten Weltkriegs, Verlag Herder, 2005, ISBN-13: 978-3451054617


