
geboren 18. Juli 1831 in Oberlauda
gestorben 16. August 1912 in Konstanz
Dorfpfarrer und Weltbürger, Prälat, Erfinder der Weltsprache Volapük
Der am 18. Juli 1831 in Oberlauda im badischen Frankenland geborene Johann Martin Schleyer gilt noch heute als visionärer Pionier, der als einer der Ersten die Idee einer konstruierten Weltsprache verwirklicht hat.
Im Laufe der zunehmenden Industrialisierung und der steigenden Bedeutung internationaler Märkte entsteht in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Gedanke einer Hilfssprache, um die Verständigung zu erleichtern. Johann Martin Schleyer ist als Sohn eines Lehrers früh mit dieser Idee in Kontakt gekommen. In seinen Aufzeichnungen hält er fest, dass er sich im Laufe seines Lebens mit 80 Sprachen und Dialekten intensiv beschäftigt und 50 davon gesprochen habe. Eine erstaunliche Leistung, zumal Schleyer nie eine Laufbahn an einer Universität eingeschlagen hat.
Nach dem Studium der Theologie hat er 1856 die Priesterweihe durch Erzbischof Hermann von Vicari empfangen und ist anschließend als Kaplan in Sinzheim, Baden-Baden, Kronau und Wertheim tätig gewesen. 1862 wird Johann Martin Schleyer Seelsorger in Meßkirch, wo er seine schriftstellerische Arbeit beginnt, und übernimmt fünf Jahre später die Pfarrstelle im nahen Krumbach.
In dieser Zeit tobt der Kulturkampf zwischen der katholischen Kirche und den Regierenden in Deutschland. Unter anderem wird der sogenannte Kanzelparagraf verabschiedet, der es Geistlichen unter Androhung einer Gefängnisstrafe verbietet, sich öffentlich über den Staat zu äußern. Wie viele andere Priester und Ordensleute muss Schleyer 1875 eine viermonatige Haft wegen einer kritischen Predigtpassage verbüßen. Nach seiner Entlassung aus der Festung Rastatt wird Schleyer auf die Pfarrstelle Litzelstetten versetzt.
Am Bodensee beginnt er mit der Arbeit an einem Weltalphabet. Das Schlüsselerlebnis ist für den Seelsorger ein Gespräch mit einem Bauern, der darüber klagt, dass seine Briefe nie den ausgewanderten Sohn in Amerika erreichen, weil niemand seine Schrift lesen könne. Schleyer entwickelt daraufhin das Konzept für seine Plansprache in einer schlaflosen Nacht im März des Jahres 1879, die er wie folgt beschreibt:
"In einer mir selbst rätselhaften, ja geheimnisvollen Weise, in dunkler Nacht, im Pfarrhaus in Litzelstetten, im Eckzimmer des 2. Stockes, das in den Pfarrgarten hinausschaut, als ich über so viele Missstände, Gebrechen und Jämmerlichkeiten unserer Zeit nachdachte, stand plötzlich das Gebäude meiner Weltsprache vor meinem geistigen Auge. Meinem guten Genius verdanke ich das ganze System der Weltsprache Volapük."
Die Wortstämme des Volapük entnimmt Schleyer dem Englischen. Er baut aber auch deutsche, lateinische oder romanische Wörter ein und entwickelt eine einfache Grammatik.
Anfangs ist die Sprache sehr erfolgreich. Weltweit bilden sich Volapük-Gesellschaften und bald gibt es 1000 diplomierte Lehrer. Mit der Zeit allerdings erweist sich die Sprache als zu schwierig, um sich dauerhaft durchzusetzen. Bereits Mitte der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts wenden sich viele Anhänger ab oder schließen sich dem 1887 entwickelten Esperanto an.
Johann Martin Schleyer bleibt noch bis 1885 Pfarrer in Litzelstetten, bevor er aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand geht. 1894 ernennt ihn Papst Leo XIII. auf Vorschlag des Freiburger Erzbischofs zum Prälaten. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt Schleyer als Autor in Konstanz.
Im Jahr 2001 wird Johann Martin Schleyer zur Seligsprechung vorgeschlagen. Ein internationales Komitee organisiert eine weltweite Unterschriftenaktion und sorgt für die Neuauflage seiner Werke. Im Jahr 2006 erscheint ein Prälat-Schleyer-Jahrbuch.


